Login Form

   
   

Comtek Logo

Heinz Rudolf Kunze - 7. Juli vormittags

Siebter Juli vormittags. 
Eingekreist von Rasenmähern 
und dem Keuchen von Kaffeemaschinen 
arbeitsloser Junglehrerinnen, 
die sich nackt am Küchentisch krümmen und 
an ihren Zweierbeziehungen würgen, Kinder- 
geschrei in der Ferne, 
wie das letzte Signal eines Zuges nach Süden, 
kurz bevor er in den Tunnel von Dürrenmatt 
eintritt, der Tunnel ohne Ausgang, 
der Tunnel direkt zum Erdmittelpunkt. 
Die Hausfrauen sehen aus wie Auffahrunfälle, 
der Tonfall ihrer Verleumdungen 
klingt wie Vollbremsung 
mit ein paar Kommas dazwischen. 
Oma schneidet der Vorgartenhecke verschmitzt 
eine Punker-Frisur. 
Jedem Land das Wetter, das ihm gebührt, 
wie auf Erden, also auch im Himmel: 
Nichts als verpaßte Chancen. 
Hier passiert nichts mehr. 
Hier ist alles immer geteilter Meinung, 
halbe-halbe, einerseits-andererseits, 
ausgewogen, weggelogen, geteilte Freude, 
doppeltes Leid, 
die Leute halten ihr Geschlechtsteil in den Wind 
und bitten um Entsaftung, 
sie flüchten in ihre privaten Kirchen 
und mancher nennt sie Tranquilizer 
noch Oblaten, 
keiner ist unersetzlich, 
jeder ist ein Superstar, 
alle sind von morgens bis abends müde, 
kein Wunder, 
denn es immer schon zu spät. 
Wie machen sie das bloß – zu leben? Wie 
schaffen sie das noch? Ich meine, 
eine Rakete pro Kopf, 
die wiegt schließlich einiges, 
daß das nicht jeden sofort zu Boden drückt, 
erstaunlich. Wir sind eben doch die Herrenrasse, 
ich weiß, diese Meinung ist augenblicklich 
noch 
nicht 
wieder 
populär, aber sei's drum, wir halten was aus, 
und bei den Selbstmördern, Aussteigern, 
Friedensfetischisten 
stimmt sicherlich irgendwo was 
mit dem Stammbaum nicht. 
Siebter Juli vormittags. Frühpubertäre Bettnässer 
polieren ihre Motorräder blitzblank, 
ganz wie der Vati den BMW. 
Im Cassettenrecorder 
rauscht die Neue Deutsche Welle, 
die Ölpest der Tonkunst, 
mit ihren Millionen von verklebten, 
erstickten Ohrmuscheln. 
Woran denken diese Kinder nachts? 
Wir hatten damals 
Mit Schirm, Charme und Melone und vor allem 
Emma Peel, und jeder unserer Träume 
begann mit dem Geräusch 
des Reißverschlusses von ihrem 
schwarzen Knautschlack-Kampfanzug... 
heute bleibt den hohlwangigen, 
glutäugigen Knaben nur die 
Muppets-Show, 
Miss Piggy, 
Schweine im Weltraum. 
Ich möchte nicht jünger sein als ich bin. 
Wenn ich alles noch einmal machen könnte, 
würde ich vermutlich gar nichts machen. 
Und wenn ich mich jetzt unterm Tisch verstecke 
und außerdem absolut still verhalte 
ruft bestimmt gleich jemand an 
und fragt mich 
wie es mir geht.

Heinz Rudolf Kunze - A Salty Dog

All hands on deck 
we've run afloat 
I heard the captain cry 
explore the ship 
replace the cook 
let no one leave alive 

Across the straits 
around the Horn 
how far can sailors fly 
the twisted path 
our tortured course 
and no one left alive 

We sailed for parts 
unknown to man 
where ships come home to die 
no lofty peak 
no fortress bold 
could match our captain's eye 

Upon the seventh 
seasick day 
we made our port of call 
A sand so white 
and sea so blue 
no mortal place at all 

We fired the gun 
and burned the mast 
and rowed from ship to shore 
the captain cried 
we sailors wept 
our tears were tears of joy 

Now many moons 
and many Junes 
have passed since we made land 
a salty dog 
this seaman's log 
your witness; my own hand.

Heinz Rudolf Kunze - Abschied muß man üben

Keinen Tag verschenken 
es kann der letzte sein 
jede ungelebte Stunde 
wirst du noch bereun 
jeder Sonnenuntergang 
färbt die Erde rot 
wir sitzen vor dem Wasserfall 
im selben lecken Boot 

Wenn ich euch mal loslaß 
dann nicht von ungefähr 
Abschied muß man üben 
sonst fällt er viel zu schwer 

Niemand weiß den Zeitpunkt 
ist auch besser so 
niemand würde sonst des Lebens 
halbwegs Herr und froh 
viele die du gern hast 
müssen vor dir gehn 
wenn du wirklich trauern kannst 
bleiben sie bestehn 

Denkt an mich dort drüben 
fehlt mir nicht so sehr 
Abschied muß man üben 
sonst fällt er viel zu schwer 

Sterben ist die Brücke deren Weite keiner kennt 
geh hinaus ins Licht das nur wer hierbleibt Dunkel nennt 
alles was uns trösten kann ist die Erinnerung 
jeder steht dem Schluß gleich nah egal ob alt ob jung 

Ende soll auch Anfang sein 
nichts wünsch ich mir mehr 
Abschied muß man üben 
sonst fällt er viel zu schwer 

Wenn ich euch mal loslaß 
dann nicht von ungefähr 
Abschied muß man üben 
sonst fällt er viel zu schwer

Heinz Rudolf Kunze - Abstand

Abstand 
halten Sie Abstand 
die Beeinträchtigung 
der Reaktionsfähigkeit 
ist das Schlimmste aller Übel 
in unsrer schweren Zeit 
alle Mann an Deck 
immer nur berauscht 
und das wird dann in den Medien 
auch noch künstlich aufgebauscht 

Abstand 
halten Sie Abstand 
meine uralten Wunden 
beginnen zu verschorfen 
doch ich fühle mich noch immer 
grausam in die Welt geworfen 

Abstand 
halten Sie Abstand 
komm mir doch nicht so 
komm mir nicht zu nah 
nirgendwo Niveau 
nirgends Charisma 
laß alles wie es ist 
ich mag dich wie du bist 
mein süßer Egoist 

Abstand 
halten Sie Abstand 
die Beeinträchtigung 
der Reaktionsfähigkeit 
ist das Schlimmste aller Übel 
in unsrer schweren Zeit 
die Beeinträchtigung 
der Reaktionsfähigkeit 
ist das Schlimmste aller Übel 
in unsrer schweren Zeit 

Abstand 
halten Sie Abstand 
alle essen Bockwurst 
allen geht es gut 
es ist noch zu vermeiden: auch 
moderne Badewannen 
riechen wo der Stöpsel sitzt 
ein bißchen nach Blut 

Abstand 
halten Sie Abstand 
definier mal Trauer 
definier Verstand 
unser beider Herzen 
wie Kinderkot im Sand 

Abstand 
halten Sie Abstand 
die Beeinträchtigung 
der Reaktionsfähigkeit 
ist das Schlimmste aller Übel 
in unsrer schweren Zeit 
die Beeinträchtigung 
der Reaktionsfähigkeit 
ist das Schlimmste aller Übel 
in unsrer schweren Zeit

Heinz Rudolf Kunze - Abstinenzler

Mancher schmaucht'n Pfeifchen 
mancher mampft'n Kuchen 
mancher muß für seinen Kick 
'n bißchen länger suchen 

Mancher nimmt 'ne Frau 
mancher nimmt'n Mann 
mancher findet daß man auch 
was andres nehmen kann Ich nehme gar nichts 
rein gar nichts 
was für'n Kick 
wenn die Sucht 
nicht das kriegt 
was sie sucht 
ich nehme gar nichts 
alles klar 

Mancher denkt beim Pinkeln 
er sei Al Pacino 
mancher der Pacino sieht 
pinkelt auch ins Kino 

Mancher liest Romane 
mancher liest nur Schund 
mancher steckt vor lauter Frust 
den Finger in den Mund Ich mache gar nichts 
rein gar nichts 
was für'n Kick 
wenn du siehst 
daß dich niemand 
mehr grüßt 
ich mache gar nichts 
alles klar 

Mancher macht sich's selber 
mancher macht sich's morgen 
mancher denkt: verschieb nicht was 
du heute kannst besorgen 

Mancher denkt ich spinne und 
mancher denkt es nicht und 
mancher denkt daß ohne ihn 
die Welt zusammenbricht Ich denke gar nichts 
rein gar nichts 
was für'n Kick 
wenn das Hirn 
spiegelglatt 
wie die Stirn 
ich denke gar nichts 
Harharhar 

Mancher fühlt sich einsam 
mancher fühlt ein Feuer 
mancher fühlt sich abgefuckt 
und winkt nach dem Betreuer 

Mancher fühlt Verzweiflung 
wünscht sich nur Narkose 
mancher fühlt das Brennen einer 
völlig vollen Hose Ich fühle gar nichts 
rein gar nichts 
was für'n Kick 
wenn das Herz 
ausgeklinkt 
ohne Schmerz 
ich fühle gar nichts 
wunderbar

Heinz Rudolf Kunze - Akrobat

Die Stunde vor acht: 
So lang wie die Nacht. 
Dann auf zu den uralten Taten. 
Und einer im Saal 
wird dich jedesmal 
verachten, verleugnen, verraten. 

Die Lichter gehn an, 
ein einsamer Mann 
jongliert mit tausend Blicken. 
Sie werden's nie lernen: 
Dein Griff nach den Sternen 
ist ein Griff nach Trapezen und Stricken. 

Akrobat, du machst ihnen Spaß, 
den Clowns mit dem gräßlichen Lachen. 
Akrobat, gefundener Fraß, 
sie gaffen mit offenem Rachen. 
Akrobat, du Topsensation, 
die Angst kommt in gierigen Wellen. 
Akrobat, sie sehen dich schon 
im Sand der Arena zerschellen. 

Der Abend verlischt, 
der Beifall verwischt 
die Verbeugung, den Schweiß und die Tränen. 
Die Löwen vergessen 
den Käfig beim Fressen 
und schütteln den Mond aus den Mähnen. 

Die Show geht viel weiter, 
als der Kunde begreift, 
dein Kopf ist ein flüsterndes Zimmer. 
Ein müder Vampir, 
der sich Schminke abschleift, 
und die Sonne macht alles noch schlimmer 

Akrobat, du hast sie gesehn, 
die Gaukler und Seelenverkäufer. 
Akrobat, du kannst sie verstehn, 
die heimlichen Sünder und Säufer. 
Akrobat, hoch oben im Zelt, 
hast immer dein Bestes gegeben. 
Akrobat, was kostet die Welt? 
Du zahlst mit dem letzten Schluck Leben. 

Sie brauchen dich sehr, 
der Mensch wird am liebsten belogen. 
Du brauchst sie nicht mehr. 
Du hast dich beim Salto verflogen.

Heinz Rudolf Kunze - Aller Herren Länder

Winde werden rauher 
Wellen schäumen Wut 
nur ums nackte Leben 
nicht um Hab und Gut 
bleiche Ausgesetzte 
klammern sich ans Boot 
draußen treiben Hände 
ab in höchster Not 

Bringen wir das fertig 
ist die Arche voll 
weiß hier keiner was man 
tun und lassen soll 

Du wirst nie zuhause sein 
wenn du keinen Gast 
keine Freunde hast 
dir fällt nie der Zauber ein 
wenn du nicht verstehst 
daß du untergehst wie allen Menschenschänder 
aller Herren Länder 

Draußen vor der Festung 
bis zum Horizont 
lagern sie und warten 
näher rückt die Front 
grollende Kanonen 
Angst in ihrem Blick 
Hunger reckt die Arme 
nirgends gehts zurück 

Aufmerksam die Wachen 
kalt und konsequent 
selbst schuld wer den Schädel 
gegen Mauern rennt 

Du wirst nie zuhause sein 
wenn du keinen Gast 
keine Freunde hast 
dir fällt nie der Zauber ein 
wenn du dich verschließt 
nur dich selber siehst 
Du wirst nie zuhause sein 
wenn du keinen Gast 
keine Freunde hast 

Wir sind nichts Besondres 
hatten nur viel Glück 
Auserwählte kriegen halt das 
größte Kuchenstück 
Überall auf Erden 
sind auch wir geborn 
können wir gewinnen 
haben wir verlorn 

Keine Zeit für Grenzen 
für Unterschied kein Raum 
klein wird der Planet nur 
ohne blauen Traum 

Du wirst nie zuhause sein 
wenn du keinen Gast 
keine Freunde hast 
dir fällt nie der Zauber ein 
wenn du dich verschließt 
nur dich selber siehst 

Du wirst nie zuhause sein 
wenn du keinen Gast 
keine Freunde hast 
dir fällt nie der Zauber ein 
wenn du nicht verstehst 
daß du untergehst wie alle Menschenschänder 
aller Herren Länder 

aller Herren Länder 
aller Herren Länder 

Während der Rückenwind-Tour 2003 wurden die letzten zwei Strophen den aktuellen, politischen Ereignissen angepaßt: 

Du wirst nie zuhause sein 
wo du als ungebetener Gast 
nichts zu suchen hast 
du wirst nie willkommen sein 
wenn du um dich schießt 
nur dich selber siehst 

Du wirst nie zuhause sein 
wo der Orient 
deine Bomben kennt 
du wirst kein Befreier sein 
wenn du nicht verstehst 
daß du dich vergehst wie alle Menschenschänder 
aller Herren Länder 

aller Herren Länder 
aller Herren Länder

Heinz Rudolf Kunze - Alles gelogen

Daß ich dich liebe 
mehr als mein Leben 
Tag für Tag neu 
und so wie du bist 

Daß ich dich brauche 
weil du mir Kraft gibst 
weil du mich auffängst 
und mich verstehst 

Alles gelogen 
all diese Jahre 
und jetzt ist es soweit 
jetzt kann ich nicht mehr 

Du fährst mit mir 
an einsame Orte 
Du fragst: Ist es nicht schön hier? 
Doch, sag ich, schön 

Du kaufst für uns 
die vernünftigsten Möbel 
Du fragst: Fühlst du dich wohl so? 
Ich sage: Doch, pudelwohl 

Daß ich dich begehre 
deinen biegsamen Körper 
auch nach so vielen Jahren 
noch wie am ersten Tag 

Daß ich dich verehre 
weil du mit mir Geduld hast 
deine zwei rechten Hände' 
deine Güte und Milde 

Alles gelogen 
all diese Jahre 
und jetzt ist es soweit 
jetzt kann ich nicht mehr 

All diese Jahre 
die vor uns liegen

Heinz Rudolf Kunze - Alles was sie will

Ich bin erschüttert vor Glück, 
wenn ihre Haut mich streift. 
Ich möcht versinken im Meer, 
damit sie nach mir greift. 

Der halbe Himmel stürzt ein, 
wenn sie mich sturmreif küßt. 
Ich hatte immer geglaubt, 
ich wüßte wie das ist. 

Alles was sie will, 
ich geb ihr alles was sie will, 
sie sitzt am längeren Hebel. 
Mein Herz hat Bodennebel, 
wenn sie mich vergißt. 

Wenn nachts der Regen mich fragt, 
ob ich verzweifelt bin, 
kommt ihre Hand wie der Wind 
und zieht mich zu sich hin. 

Sie hat noch niemals gesagt: 
Ich glaub, ich liebe dich. 
Hat mich entdeckt und erlegt, 
setzt ihren Fuß auf mich. 

Alles was sie will, 
ich geb ihr alles was sie will, 
sie sitzt am längren Hebel. 
Mein Herz hat Bodennebel, 
wenn sie mich vergißt. 

Alles was sie will, 
ich geb ihr alles was sie will, 
ich kann mich nicht belügen. 
Genieß in tiefen Zügen, 
wenn sie bei mir ist. 

Ich kann mich nicht beherrschen 
und ich will's auch nicht probieren. 
Ich möchte diesen Sternenkrieg 
mit fliegenden Fahnen, 
mit Haut und Haar, 
wie ein Mann verliern. 

Alles was sie will, 
ich geb ihr alles was sie will, 
sie sitzt am längren Hebel. 
Mein Herz hat Bodennebel, 
wenn sie mich vergißt.

Heinz Rudolf Kunze - alter ego

Dieser unerhörte fremde Mann 
spricht in mir geheime Wünsche an 
mancher sagt wir gleichen uns aufs Haar 
manchem bleibt er ewig unsichtbar 
und er kommt und er geht 
manchmal schreibt er Grüße 
auf eine Wolke wenn sie steil im Süden steht 

Er durchschwimmt den Panamakanal 
er geleitet Lancelot zum Gral 
Frau'n von denen ich nur träumen kann 
dieser unerhörte fremde Mann 
wenn er lacht weht ein Wind 
regnen schwarze Rosen 
und es erinnert sich ein nie gebornes Kind 

Er ist 
alter ego 

Wenn er durch verschlagne Städte schwebt 
kling ich hohl als hätt ich nie gelebt 
wenn er die Zukurzgekommnen rächt 
wird mir vor Beschämung kalt und schlecht 
manchmal würgt mich die Nacht 
schlägt ein blasser Blitz ein: 
ich habe viel zu lang nicht mehr an ihn gedacht 

Oh mein 
alter ego 
alter ego 

Ich bin ein unscheinbarer Mann 
ich schau mich ungern selber an 
ich habe nie an mich geglaubt 
mich mancher Möglichkeit beraubt 
doch wenn ich nachts vorm Spiegel steh 
das Licht in meinen Augen seh 
dann seh ich ihn seh ich ihn 

»Bleib bei deinem Leisten alter Freund 
weil ich sonst das Feld der Fabeln räum 
mach mich nicht zum Schneemann im August 
sage nicht du hast von nichts gewußt 
mehr denn je sehr wie nie 
brauch ich dein Sehnsucht 
denn ich entspringe doch nur deiner Phantasie 

Ich dein 
alter ego 
alter ego 
alter ego

Heinz Rudolf Kunze - Amok

Immer für was üben, 
was dann nie passiert. 
Kampfbereit zu jeder Zeit, 
alles funktioniert. 

Immer dieses Jucken, 
Finger auf dem Knopf. 
Immer diese leise Stimme 
hinten im Kopf. 

Immer nah am Himmel, 
immer ganz allein. 
Ich komme aus der Sonne, 
keiner hört mich schrei'n. 

Nachts die Lederträume, 
früh vor Angst ganz naß. 
Ich weiß ja selbst, daß mir was fehlt. 
Fragt sich bloß, was. 

Amok – 
im Tiefflug über Deutschland. 
Amok – 
Feuersturm kommt auf. 
Amok – 
die werden mich nie kennenlernen. 
Amok – 
jetzt drück ich drauf. 

Amok – 
A 1 in Richtung Dortmund. 
Amok – 
Radar gibt auf. 
Amok – 
links runter von der Kriechspur. 
Amok – 
jetzt drück ich drauf. 

Amok – 
Mädels sind wie Schaschlik. 
Amok – 
ich spieß euch alle auf. 
Amok – 
keiner stirbt so gern alleine. 
Amok – 
jetzt drück ich drauf

Heinz Rudolf Kunze - Argumental

Wasser bis zum Hals steht mir 
das ist der letzte Schrei 

Ich winke ich 
ertrinke nicht ich 
winke ich 

Ertrinke nicht 
ich winke 
ich ertrinke nicht 

Wasser bis zum Hals steht mir 
das ist der letzte Schrei 

Stehenden Fußes 
sehenden Auges 
bis über beide Ohren 

Die Botschaft steigt 
der Bote schweigt 
bis zum Abwinken

Heinz Rudolf Kunze - Arme Johanna

Nein, ein Mann dieses Namens 
ist hier nicht bekannt, 
ich bin Hauswart 
und mir könnt er kaum entgehn... 
aber, meine sehr verehrten Herren, 
wenn ich Ihnen ein Rat geben darf, 
dann würd ich mal nebenan 
nach dem Rechten sehn! 

Da wohnt eine junge Dame, 
sehr alleinstehend, sehr blondes Haar, 
die wird von vielen Herren frequentiert! 
Laute Musik bis nachts um drei, 
danach die üblichen Geräusche, 
aber außerdem wird mit Sicherheit konspiriert! 

Arme Johanna 
sie haben dich im Visier 
der liebe Gott sieht alles, 
die Nachbarschaft noch mehr. 
Arme Johanna 
du kannst doch nichts dafür 
sie zögen dieses süße blonde Mißverständnis 
gern aus dem Verkehr. 

Sie stößt die Hausgemeinschaft 
ständig vor den Kopf, 
sie fügt sich ums Verrecken hier nicht ein. 
Sie läßt oft aus Zerstreutheit 
die Wohnungstüre auf, 
und alles schleicht sich an und späht hinen. 
Und was sie da erblicken, 
das schockt sie bis ins Mark: 
Kein Kühlschrank hier in diesem Teil vom Haus! 
Unfaßbar! Denn bei ihnen 
sieht seit dem Sündenfall 
die ganze Wohnung wie ein Kühlschrank aus. 

Arme Johanna 
was hast du falsch gemacht? 
was riecht so gut an deiner frischen Spur? 
Arme Johanna 
du hast die aufgebracht 
der Honig lockt die Fliegen an, 
das liegt halt in der Sache der Natur 

Sie hat zu viele Dinge 
zur gleichen Zeit im Kopf 
sie läßt den Schlüssel außen in der Tür. 
Man schließt sie in Gedanken ein 
und weiß aus dritter Hand: 
Sie trinkt zum ersten Frühstück 
schon zwei Bier! 
Im Sommer läuft sie übern Flur 
im Slip und im BH, 
ein Film läuft ab in jedem Schlüsselloch... 
man legt sie in Gedanken 
auf dem Wäscheboden flach, 
erst wehrt sie sich, dann schnurrt sie aber doch... 

Arme Johanna 
vom Mehrparteienhaus 
du siehst in ihrem Kleinkrieg keinen Sinn 
Arme Johanna 
du kennst dich nicht mehr aus 
genaugenommen bist du gar nicht heilig, 
doch sie kriegen das noch hin. 

Arme Johanna 
sie haben dich im Visier 
der liebe Gott sieht alles, 
die Nachbarschaft noch mehr. 
Arme Johanna 
du kannst doch nichts dafür 
sie zögen dieses süße blonde Mißverständnis 
gern aus dem Verkehr.

Heinz Rudolf Kunze - Astrologie

Saturn steht in der fünften Mehrzweckhalle 
ein Geheimdienstmann erschießt sich 
er hat jahrzehntelang in seiner Freizeit 
unbescholtene Bürger abgehört 
und dabei Ungeheuerlicheres erfahren 
als jemals aus Hauptquartieren 
Parteizentralen oder Regierungssitzen 
die Mikrobänder liegen in seinem Aquarium 
und werden von wulstigen Elritzenlippen geküßt 

Saturn steht in der fünften Mehrzweckhalle 
I'M SORRY leuchtet in weißer Schrift 
über dem Scheitelpunkt des Steinbogens 
der Eisenbahnbrücke 

Saturn steht in der fünften Mehrzweckhalle 
es gibt Leben auf dem Mars 
das ist mittlerweile sicherer 
als das Amen in der Kirche 
und als daß ein Fußballspiel in Zukunft 
nach fünfundvierzig Minuten nur einmal 
für fünfzehn Minuten unterbrochen wird 

Saturn steht in der fünften Mehrzweckhalle 
es gibt von Monat zu Monat mehr Tennislehrer 
und weniger Menschen die sich Tennisstunden leisten können 
nach wie vor haben Leute 
die zunehmend Frauen sind die Stirn 
sich zusammenzufinden um mit Gitarren 
Bässen und Schlagzeugen laute 
Musik zu machen 

Aber bald schon werden sie ausgerottet sein 
von japanischen und norwegischen Harpunierern 
ihre Rippen 
werden den Korsetts französischer Hofschranzen 
aus dem späten achtzehnten Jahrhundert Halt geben 

Saturn steht in der fünften Mehrzweckhalle 
wie schlecht Männer und Frauen zueinander passen 
hört man daran wie abstoßend 
neunundneunzig von hundert Doppelnamen klingen 
niemandem gelingt es beim besten Willen mehr 
eine Tür hinter sich zu schließen 
aber Saturn tut im Licht der Wahrheit 
das Richtige

Heinz Rudolf Kunze - Auf der Durchreise

Ich habe dich auf der Durchreise kennengelernt 
und ich hätte dir ausgesprochen gerne 
deine Kirschen entkernt 
denn es kommt nicht häufig vor, 
daß andre meine Vorlieben verstehn 
und ich wünschte mir, 
ich könnte bei dir ans Eingemachte gehn 

Und ich kriegte von dir einfach nicht genug 
dur rochst so gut 
nach Bundesbahn-Erfrischungstuch 
und wir sprachen über dies 
und wir sprachen über das 
wir warn ein explosives Krisengebiet 
auf dem Weltatlas 

Und wir fragten uns, 
ob die Industrienationen nicht was machen sollten 
und dann wurde uns klar: 
Reden war nicht das, was wir machen wollten 
verlegen ließen wir uns gehen, 
ich ließ dich und du ließ't mich 
aber irgendwie trafen dann doch 
noch unsre Wege sich 

Ich habe dich auf der Durchreise kennengelernt 
und ich hätte dir ausgesprochen gerne 
deine Kirschen entkernt 

Und jetzt sitz ich hier 
und weiß beim besten Willen nicht mehr, 
was ich machen soll, 
denn ich bin längst ganz woanders 
und ich weiß nicht, 
ob ich noch darüber lachen soll 
dieses Leben, das ich führe, 
ist ein nicht zu überbietender Skandal 
und es hat nur ein Gesetz: 
Gar nichts kommt ein zweites Mal. 

Ich habe dich auf der Durchreise kennengelernt 
und ich hätte dir ausgesprochen gerne 
deine Kirschen entkernt

Heinz Rudolf Kunze - Außer Rand und Band

Sie tragen schwarze Hemden 
sie führen schwarze Listen 
sie haben nie behauptet 
daß sie es besser wüßten 
als die alten Zweiten Sieger 
tausend Jahre krank 
wenn sie von einem was verstehen 
dann vom Untergang 
WIE FÜHLT SICH DAS AN 
MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND 
AUSSER RAND UND BAND 
die Schmachgeborenen 
die Niemandbraucher 
die Im-Galopp-Verlorenen 
die In-der-Pfeife-Raucher 
sie hassen freie Liebe 
was für ein schwüler Schmutz 
was war das früher für ein Leben 
ohne Aufprallschutz 
BESSER FEUER IM DACHSTUHL 
ALS BLUT AN DER HAND 
AUSSER RAND UND BAND 
ganz Deutschland tanz den Drehdichnichtum 
was ich nicht weiß ist selber dumm 
beiß nicht die Hand die Eiter füttert 
den Letzten beißt der Hund erschüttert 
VON NACHT UND NEBEL STURZBESOFFEN 
ADRESSE UNBEKANNT 
AUSSER RAND UND BAND 
zeig nur daß du glücklich bist 
wenn es gut gelogen ist 
glücklich ist wer nie vergißt 
mit welchem Maß man Tränen mißt 
GEGEN ÜBERMENSCHEN 
HILFT KEIN UNTERSTAND 
AUSSER RAND UND BAND 
man hört sie niemals weinen 
nur wund wie Hirsche grölen 
Hören und Seh'n vergangen 
die Schädel leere Höhlen 
sie müssen weinen lernen 
ihr Lachen soll vergehen 
wir müssen ihnen dabei helfen 
müssen sie weinen sehen 
außer Rand und Band 
sonst heißt es bitte recht freundlich 
gleich kommt der Lagerkommandant

Heinz Rudolf Kunze - Auszeiten

Manchmal melde ich mich nicht 
das Handy ist aus 
der Bildschirm glotzt stumpf und grau 
wie die erloschenen Augen antiker Marmorköpfe 
dann unterschreibe ich Briefe die ich 
nicht geschrieben habe MIT UNENDLICHEN GRÜSSEN 

Manchmal melde ich mich nicht 
dann kaue ich russischen Prinzessinnen 
die Fußnägel formschön und mildweich gerundet 
meine Zähne können das genauer 
und empfindungsschonender als jede Feile 
oder ich kraule einfach nur stillvergnügt meinen Ziegenbart 

Manchmal melde ich mich nicht 
dann hab ich es satt ein Satyr zu sein 
Satiriker schon lange 
dann wird mein Profil sfumato gemalt 
und mein Zögern klingt deutlich sforzato 
was sein muß muß sein 

Manchmal melde ich mich nicht 
dann bin ich so schwarz unbetretbar 
wie der deutsche Wald im Spätmittelalter 
und was ihr auch immer hineinruft 
ich bin nicht die Auskunft und keine Seite an mir ist gelb 
ich rufe nicht zurück 

Manchmal melde ich mich nicht 
das ist eines der schönsten Gefühle 
ein schimmerndes Ei bekommt Risse 
ein kleiner Dinosaurier macht große Kulleraugen 
ruhiges Licht stellt keinerlei Fragen 
und kräftigt die Stille in allen Dingen 

Manchmal melde ich mich nicht 
am liebsten dann wenn ich aufgerufen bin 
rechnet nicht mit mir 
ich weiß, daß ich Schmeißfliegen 
zwischen den Fußsohlen klatschen kann 
aber warum eigentlich immer ich 

Schaut mir nicht zu 
es gibt nichts zu sehen 
ich bin kein besonderes Vorkommnis 
freilich bin ich schneller als der Himalaya 
freilich umfaßt meine Sorge euch alle 
aber was um alles in der Welt geht euch das an 

Aber was um alles in der Welt geht euch das an 
Aber was um alles in der Welt geht euch das an 
Aber was um alles in der Welt geht euch das an

Heinz Rudolf Kunze - Autos in den Bäumen

Laß mich dir sagen was ich sah 
noch nie zuvor war ich DER WAHRHEIT so nah 
ich sah Autos in den Bäumen 
ein leeres Flüchtlingsboot beim Träumen 
ich sah Surfer auf dem Feuer 
und ich sah du stirbst am Steuer 
noch nie zuvor war ich DER WAHRHEIT so nah 
laß mich dir sagen was ich sah 

Laß mich bekennen was ich schwor 
es stand zu fürchten daß ich ALLES verlor 
ich schwor im Dunkeln laut zu pfeifen 
den Eid auf Winterreifen 
und mir den Unterschied zu merken 
Liebling zwischen unsern Stärken 
es stand zu fürchten daß ich ALLES verlor 
laß mich bekennen was ich schwor 

Schöne Trümmerfrauen trugen einen roten Schlips 
schleiften Hunde durch die Straßen tote Hunde aus Gips 
alle Renegaten hielten ihre Zunge im Zaum 
lauter Leser baumelnd aufgehängt an jedem zweiten Baum 
vom Dicken Ende der Geschichte hab ich viel gehört 
nur daß das laute Zähneklappern und der Magen stört 
mit andern Worten lauter Lügen daß die Schwarte kracht 
iß deine Ohren auf aus deinem Kopf wird Wind gemacht 

Laß mich dir sagen was ich hör 
Gebrüll von Menschentieren wild wie das Meer 
ich höre Schüsse an den Grenzen 
den Stiefelschritt bei Tänzen 
ich höre Tollwut in der Predigt 
doch das hat sich bald erledigt 
Gebrüll von Menschentieren wild wie das Meer 
das ist es Liebling was ich hör 

Ich sah Autos in den Bäumen 
Sex in unbewohnten Räumen 
ich sah Autos in den Bäumen 
nichts lag mir ferner als zu träumen

Heinz Rudolf Kunze - Balkonfrühstück

Ihr könnt uns kaum verfehlen 
auf dem Stadtplan liegt es unten rechts 
dort, wo der Autobahnzubringer mit dem Güterbahnhof beinah kollidiert 
ein Stückchen weiter liegt das Fitneß Center 
ein Stückchen näher die U-Bahn-Station 
und gleich zur Hand das Einkaufszentrum, alles äußerst praktisch konzipiert 

Ansonsten wohnen hier kaum Leute 
nur nebenan ein Malermeister samt Frau 
unten rechts der Malermeistersohn, der seine Kinder dauernd massakriert 
drüben links ein arbeitsloser Lehrer 
im Erdgeschoß ein Immobilienbüro 
schräg gegenüber der Besitzer von der Flaschnerei, der ständig prozessiert 

Wir laden ein zum 
Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
wo sie leere Laster klauen, wenn volle danebenstehn 
ja ja Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
wen du dich anstrengst, kannst du durch den Frankensmog ein bißchen Sonne sehn 

Gegenüber bei Nordmende 
ist freitagsabends immer Fehlalarm 
wenn die Putzfrau leise niest und ein hochsensibler Sensor reagiert 
gegen sieben kommt dann meistens einer 
von der Bahnpolizei vorbei 
hört sich das Heulen an und geht dann wieder weg, weil das zu oft passiert 

Aber spätestens im null Uhr dreißig 
sind dann auf einen Schlag sechs Streifenwagen da 
mit gezogenen MPs umzingeln Grüne die Fernsehdeponie 
dann geht man besser mal kurz runter 
und sagt den Jungs Bescheid 
sonst gibt's die ganze Nacht nicht Ruhe, von allein kapieren die das nie 

Auf geht's zum 
Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
der mit dem Preßlufthammer hat heute wohl was andres vor 
ja ja Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
noch Milch? noch Zucker? weder – noch? wir sind ganz Ohr 

In den Parteitagsgeländeruinen 
spielt die deutsche Jugend Schaumgummisquash 
ab und zu spielt auch die Who, und das ganze heißt Zeppelinfeld 
jeden Sommer entbieten Volksgenossen 
von der Tribüne ihren deutschen Gruß 
wenn die Busse kommen mit den Touristen aus Israel 

In des Führers Kongreßhalle sitzt jetzt 
eine Schallplattenfirma, und dazu 
ist dort das Polizeidepot für beschlagnahmte Autos zu sehn 
wenn ich richtig informiert bin 
soll in diesem Polizeidepot 
der gesamte Wagenpark der Wehrsportgruppe Hoffmann stehn 

Was gibt es Schön'res als 
Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
und die Autos rauschen zum Kaffee fast wie das Meer 
ja ja Balkonfrühstück am Pfingstmontag 
im Gewerbegebiet Nürnberg-Süd 
wo die Wachhunde bellen, als käme irgendjemand her 

Wenn ihr weg wollt, laßt euch raten: 
fahrt so früh es irgend geht 
wenn ihr zu lang zögert, merkt ihr auf der Autobahn: das war zu spät 
was mich stört in den letzten Wochen 
wenn ich am Schreibtisch aus dem Fenster schau 
ist, daß am Güterbahnhof immer ein Transport mit Panzern steht

Heinz Rudolf Kunze - Beschriebenes Blatt

Laue Lederhosenklänge 
aus dem Abflußrohr des Zillertals 
ich wasche meine Ohren in Unschuld 
wie im Sperma eines Killerwals 

Du mein mausgrauer Schatz 
hast auch nicht mehr den Nabel der Welt 
ich sehe pointenlos zu 
wie der schiefe Turm von Pisa verfällt 

Vom Himmel fallen Sparpakete 
triffts mich bin ich platt 
ich bin ein durchtriebenes 
letzthinterbliebenes 
ein beschriebenes Blatt 

Ich erschoß Rudi Dutschke 
er war mir nicht mal wirklich böse deswegen 
nachdem er die Kristallkugel las 
kam es ihm ganz gelegen 

Ich versteckte Martin Bormann 
er hat mich jeden Tag dafür verflucht 
er hat verzweifelt meinen Keller 
bis er starb nach Zyankali durchsucht 

Gebranntes Kind es lacht zuletzt 
legt Feuer in der Stadt 
ich bin ein durchtriebenes 
wundgeriebenes 
ein beschriebenes Blatt 

Vierzig goldene Jahre 
in Sachen Selbst-Behauptung auf Reisen 
und jetzt plötzlich verurteilt 
aus Mangel an Beweisen 

Das Kind mit dem Bade die Milch mit der Mutter 
der Zufall hat mich satt 
ich bin ein durchtriebenes 
deutsch geschriebenes 
ein beschriebenes Blatt

Heinz Rudolf Kunze - Bestandsaufnahme

Es gab mal Zeiten, wo die Brüste unsrer Mädchen 
noch kein Geheimnis waren, kein Privatbesitz, 
wir wußten alles voneinander, nicht wie heute, 
wo man vereinzelt auf der Dauerdame schwitzt; 
wenn wir uns jetzt mal treffen, spielen wir Verstecken. 
Gefall'ne Würfel sind ein idealer Schutz. 
Wir brauchen stundenlang verschwiegene Toiletten 
zur Atemübung und zum Spiel mit etwas Schmutz. 

Es spielen immer öfter Gruppen, die wir mögen, 
in unsrer vollgefressnen, geisteskranken Stadt. 
Doch wir verzichten auf den Anblick unsrer Helden, 
weil uns Enttäuschung unverhofft verbittert hat: 
sind sie denn wirklich schon so abgrundtief gesunken, 
daß sie es nötig haben, hier zu konzertier'n? 
Wir hören zimmerlaut die unschlagbaren Platten. 
Wir trinken schweigsam unser zimmerlaues Bier. 

Wir sind jetzt mündig und wir haben nichts zu sagen. 
Wir wählen selbstverständlich weiter S.P.D. 
Wir haben keinen Grund, uns wirklich zu beklagen. 
Der Sozialismus täte uns ein bißchen weh. 
Wir kommen langsam in das glatzenwunde Alter, 
das zwecks Karriere ein Bekenntnis nötig macht. 
Zehn halbe Bier, und unsere Fahne hängt im Winde, 
noch zwei dazu und wir verpissen uns zur Nacht. 

Wir haben alle einen angeschlag'nen Magen. 
Wir leben alle auf Kredit und auf Rezept. 
Wir schlucken Pillen und sind schmerzfrei, aber müde, 
das Zeug wirkt gründlich, und wir spüren das im Bett. 
Es hängen kleine kalte Klötze an den Schwänzen, 
einmal-pro-Nacht als Hausaufgabe auferlegt, 
wir führen Stellungskrieg um Mitternacht am Schreibtisch, 
bis die Herzdame ihre Haut zu Bette trägt. 

Wir sehen Tote und wir stellen uns die Frage, 
wieviel an Frist uns zum Gewinnen noch verbleibt. 
Was kommt danach? Wir konstruieren eine Antwort, 
die uns das kalte Grausen in den Nacken treibt. 
Allmählich finden wir, daß selbst Familienfeiern 
gar nicht so schlimm sind, wie man früher immer fand. 
Uns kommen teilnahmsvolle Worte von den Lippen, 
zu alten Damen sind wir regelrecht charmant. 

Wer macht das Spiel? Wir reizen hoch, wobei wir frieren. 
Da sind schon wieder mal die Chancen schlecht gemischt. 
Mit den Gedanken sind wir immer ganz woanders: 
Ein Schloß im Schnee und alle Spuren gut verwischt. 
Es ist ein Wahnsinn, sich so früh schon zu erinnern, 
wo wir doch wissen, daß es andren nicht so geht. 
Und doch: wir lauschen auf das Ticken unsrer Herzen, 
in denen DREIUNDZWANZIG vor dem Komma steht.

Heinz Rudolf Kunze - Biedermeier

Ich freu mich drauf 
ich bin dabei 
keine Ironie 
ich helfe wo 
ich helfen kann 
mit strenger Euphorie 

Wir krempeln jetzt 
die Ärmel auf 
Gott was sind wir blaß 
wir waschen den 
verfilzten Pelz 
und werden dabei naß 

Biedermeier 
gestatten Biedermeier 
hier kommt die neue Zeit 
Biedermeier 
nur noch gelegte Eier 
und ich bin bereit 

Wir singen: Ja! 
Wir singen: Ja! 

Kein Woodstock mehr 
im Kanzleramt 
die Hippies gehn nach Haus 
genug gekifft 
und Wind gemacht 
der lange Marsch ist aus 

Was früher wie 
ein Märchen klang 
war Blindflug und man sieht es 
ein ganzes Volk 
am gleichen Strang 
hängt es oder zieht es? 

Biedermeier 
gestatten Biedermeier 
hier kommt die neue Zeit 
Biedermeier 
nur noch gelegte Eier 
und ich bin bereit 

Wir singen: Ja! 
Wir singen: Ja! 

Worte wie Demut Fleiß und Pflicht 
hörte man hier schon lange nicht 
das geile Selbst der tumbe Spaß 
gehörten längst ins Einweckglas 
ein Karsten Raab ein Stefan Speck 
ziehn keinen Karren aus dem Dreck 
die müssen weg 

Ja! 
Ja! 

Biedermeier 
gestatten Biedermeier 
hier kommt die neue Zeit 
Biedermeier 
nur noch gelegte Eier 
und ich bin bereit 

Biedermeier 
jetzt kommt der Biedermeier 
so richtig voll in Fahrt 
Biedermeier 
verscheuch den Pleitegeier 
aus dem Arschbackenbart

Heinz Rudolf Kunze - Bis zum zwölften Niemalstag

November raucht den Nachmittag 
mit gelben Nebelfingern. 
Im Fitnesscenter wühlt ein Duft 
aus eingeölten Ringern. 
Fast ahnst du, wie im Nebenhaus 
rehscheu die Luft vibriert – 
vom Selbstmord, der dort nächstes Jahr passiert. 

Ich lieb dich wirklich mehr als mich, 
probiers, ich bin bereit, 
und bis zum zwölften Niemalstag, 
das ist 'ne lange Zeit. 

Ein Außendienstler lutscht am Bier 
und lästert den Termin. 
Die nackte Frau im Autostau – 
die wär sein Flugbenzin. 
Ein Fleischer säuft im Stehimbiß, 
schläft unverstanden ein 
und fönt im Traum ein triefend nasses Schwein. 

Und wenn Du nicht gestorben bist, 
dann liebst du mich noch heut, 
und bis zum zwölften Niemalstag, 
'ne halbe Ewigkeit. 

Ich lieb dich schüttelnd vor Gebrauch, 
ich bin nicht ganz gescheit. 
Und bis zum zwölften Niemalstag 
spinn ich dir auch ein Kleid.

Heinz Rudolf Kunze - Bist du zufrieden jetzt

Das Doppelbett steht in der Garage 
im Kinderzimmer riecht es nach Chlor 
der Gasmann kriegt nicht Geld sondern Gage 
denn nur er lockt dich noch 
hinterm Ofen hervor 

Die Standuhr paukt wie eine Galeere 
und muß es jeden Mittag Trennkost sein 
dein Schritt klingt wie der Schnitt einer Schere 
zwischen Tisch und Bett weihst du 
ein neues Teilstück ein 

Bist du zufrieden jetzt 
ist es so recht 
bist du zufrieden jetzt 
mir ist so schlecht 
du hast mal eben unser ganzes Leben 
locker in der Luft zerfetzt 
bist du zufrieden jetzt 
bist du zufrieden jetzt 

Ich kann den Kaffeesatz nicht mehr lesen 
da fehlen Punkt und Komma und Sinn 
ich bin noch nie in Grönland gewesen 
da muß es wärmer als hier sein 
also nichts wie hin 

Bist du zufrieden jetzt 
war das der Plan 
bist du zufrieden jetzt 
oder im Wahn 
du meinst so ist nun mal das Leben eben 
wie ein Messer das man wetzt 
bist du zufrieden jetzt 
bist du zufrieden jetzt 

Bist du zufrieden jetzt 
bist du am Ziel 
bist du zufrieden jetzt 
ein böses Spiel 
du hast mal eben unser ganzes Leben 
locker in den Sand gesetzt 
bist du zufrieden jetzt 
bist du zufrieden jetzt

Heinz Rudolf Kunze - Bleib hier

Ich stand mein ganzes Leben lang 
vor Babyloniens Mauern 
mit hocherhobnen Händen 
Sie stahlen mir die Lesezeichen 
aus den verbotnen Bänden 
und du nur du sollst mich bedauern 
mich bedauern 
mich bedauern 

Bleib hier 
ganz nah 
sag mir wie tief die Sonne steht 
bleib hier 
ganz nah 
erinnre mich wies weitergeht 

Ich war mein ganzes Leben lang 
im Paradies ein Scharlatan 
zog ungeborn in Mutters Bauch 
Kreuzspinnennetze ein 
Sie rieben mein Geschlechtsteil fromm 
mit Höllenstein 
so wurde ich ein Schweißhund mit Verfolgungswahn 

Bleib hier 
ganz nah 
sag mir wie tief die Sonne steht 
bleib hier 
ganz nah 
erinnre mich wies weitergeht

Heinz Rudolf Kunze - Blues für die Beste

Zuhause die Frau 
sie regiert mich mit eiserner Hand 
zuhause die Frau 
sie regiert mich mit eiserner Hand 
wenn die dich in die Finger kriegt 
fühlst du dich wie Feuerland 

Ich fürcht mich so abgöttisch 
wenn sie zu Gerichtstag sitzt 
ich fürcht mich so abgöttisch 
wenn sie zu Gerichtstag sitzt 
und atme bis zum Erdkern durch 
sobald sie lacht sobald sie schwitzt 

Ich bin ihr Sarg zum Nagel 
bin viel zu wenig als genug 
ich bin ihr Sarg zum Nagel 
bin viel zu wenig als genug 
ich saug an ihrem Stirnband 
sie ist das Heck ich bin der Pflug 

Sie hat Augen wie ein Spielfilm 
sie hat Hände stark wie Teer 
sie hat Augen wie ein Spielfilm 
sie hat Hände stark wie Teer 
mein Blut hat sie vergossen 
doch da kommt immer nur noch mehr 

Sie lehrte mich das Beten 
hab sie gesalbt und eingeseift 
sie lehrte mich das Beten 
hab sie gesalbt und eingeseift 
ich hab sie nie betreten 
ich hab sie immer nur gestreift 

Sie nährt mich und sie ehrt mich 
und sie bricht mich übers Knie 
sie nährt mich und sie ehrt mich 
und sie bricht mich übers Knie 
ich schenk ihr Apfelsinen 
denn ich weiß ich liebe sie

Heinz Rudolf Kunze - Brennende Hände

Irgendwann mach ich Dir umwerfend klar, 
was ich unter Liebe versteh. 
Jedenfalls nicht französisches Kino 
oder Stöckelschuhe voll Schnee. 

Ich laß Dich nicht mehr auf Reisen gehn, 
wo Du Dich oder sonstwas findest. 
Ich will nicht mehr am Bahnsteig stehn 
und sehn, wie Du verschwindest. 

Wir werden uns nicht unbekannt! 
Das ist noch nicht das Ende! 
Wir treffen uns in Feuerland 
und reichen uns brennende Hände. 

Es ödet jeden an mit der Zeit, 
nur Schiffe zu versenken. 
Wir fleddern unsere Sterblichkeit 
und haben doch nichts zu verschenken. 

Das Leben ist kurz und die Bombe hängt tief. 
Kann sein, daß sie uns hier nur dulden. 
Doch wir kommen zurecht, wenn wir uns bei den Engeln 
lebenslänglich verschulden. 

Wir werden uns nicht unbekannt! 
Das ist noch nicht das Ende! 
Wir treffen uns in Feuerland 
und reichen uns brennende Hände.

Heinz Rudolf Kunze - Brigitte

He, Mond, du hast ein Muttermal 
hoch an der linken Schläfe. 
Hör auf, daran fuchsteufelswild zu kratzen. 
Ist das vielleicht zuviel verlangt: 
Man will in Frieden heulen. 
Schmeiß Mondlicht auf die meinigen Matratzen 

He, Mond, ich hab sie angefleht: 
Schatz komm, bestimm mein Leben. 
Bin grün, und blau, und hintern Ohren trocken. 
Mensch, Mond, ich hab sie angestarrt 
durch meine Brillengläser 
wie durch die Löcher durchgelaufner Socken. 

Bitte bitte Brigitte, 
laß mich ins Reich der Mitte. 
Ich bin das Opfer deiner Politik 
der hundsgemeinen Schritte, 
ich will mehr sein als der weinende Dritte. 

He, Mond, du kaust die Gummis auf 
der Amis, die dich pflügten, 
vergiß es, du hast trotzdem eine Fahne. 
Verdammt, hör auf zu wackeln, Mann, 
ich ziel auf deine Nase 
mit Andys Velvet-Underground-Banane. 

Wie war das, Mond, wie wird man so? 
Warum scheust Du die Sonne? 
Rück raus damit, wie kriegt man soviel Krater? 
Schielst du vielleicht zur Venus hin, 
der spröden bleichen Nonne? 
Wer ist der Grund für deinen nächsten Kater? 

Bitte bitte Brigitte, 
laß mich ins Reich der Mitte. 
Ich halte an um deine kalte Hand 
mit Anstand und Sitte, 
ich will mehr sein als der weinende Dritte. 

He, Mond, führ sie mit Silberpfeil 
schnurstracks in meine Arme – 
ich werd mich vor dir jede Nacht verneigen. 
Sonst sprech ich alles rückwärts und 
ich schreib in Spiegelschrift, 
bis sie mir eine Treppe zu dir zeigen. 

Bitte bitte Brigitte, 
laß mich ins Reich der Mitte. 
Du bringst es fertig, daß du nicht mal ahnst, 
wie gern ich für dich litte. 
Ich will mehr sein als der weinende Dritte.

Heinz Rudolf Kunze - Brille

Der kleine Junge auf dem Topf hat 
sonderbare Träume: 
Die Augen weit wie'n Scheunentor für stille Zwischenräume. 
Die Dinge interessier'n ihn nicht, nur 
ihre langen Schatten, 
und was sie seinem Märchenkopf an 
Einsamkeit gestatten. 

Ein enges deutsches Zimmer unter 
Adenauers Himmel – 
Ruth Leuwerick als Titelbild, 
Er spricht mit ihr, er küßt sie wild, 
und spielt mit seinem Pimmel. 

Hier geht nichts mehr. Der Sack ist zu, 
Die Claims sind längst vergeben, 
Der Vater kam zu spät vom Krieg und 
wärmt sein nacktes Leben. 

Die Mutter schüttet Gräber zu, näht 
jede Nacht ein Sprungtuch, 
nennt nie das Kind beim Namen und 
Männerwünsche UNFUCH 

Dad träumt von Peter Frankenfeld und 
manchmal von Mephisto: 
"Mach's besser Junge, sei kein Schaf. 
Ich bin kein Boss 
und auch kein Graf – nicht mal von Monte Christo." 

Du mußt besser sein, Brille, 
besser als der Rest. 
Du kriegst keinen Vorsprung, 
sie nageln Dich am Boden fest. 
Sie zertrampeln Deine Gläser, 
sobald Du sie läßt – 
Du mußt besser sein, Brille, 
besser, viel besser als der Rest. 

Ein krüppeldickes Kellerkind mit furchtbar guten Noten. 
Die andern spielen Fußball und belächeln den Idioten. 
Sie schreiben gerne ab bei ihm, er riecht nach Kraut und Rüben, 
er ist nicht ganz von dieser Welt, er ist ja auch von DRÜBEN. 

Im Radio John Lennon, auch so'n schräger 
Brillenspinner, 
der zeigt, daß Noten Töne sind, ein 
Notausgang für'n kluges Kind 
und Träumer sind Gewinner. 

Du mußt besser sein Brille, 
besser als der Rest. 
Du kriegst keinen Vorsprung, 
sie nageln Dich am Boden fest. 
Wie Freiwild gehetzt 
und gemocht wie die Pest – 
Du mußt besser sein Brille, 
besser, viel besser als der Rest. 

Jemand hält den Vorhang fest, 
jemand löscht dauernd das Licht, 
der Dirigent liest Liebesbriefe, 
Porzellan zerbricht 
Schwalben schneiden durch die Luft, 
das Publikum trägt Helme, 
"Voller Bauch gibt schlechten Rat", 
grunzen fette Schelme ... 

Der Lehrer fragt beim Abitur: Wo woll'n Sie hin auf Erden? 
Zum Dichter, sagt er donnernd. Na, 
das kann ja heiter werden. 
Die andern gehn zur Bundespost, er kämpft mit der Gitarre. 

Wenn er sie auf der Straße trifft: Ein 
Hauch von Leichenstarre. 
Ein Mädchen küßt ihn manchmal auf 
die viel zu große Klappe. 
Er schwärmt ihr seine Lieder vor, 
sie ist ganz hin, sie ist ganz Ohr, 
ansonsten nicht von Pappe. 

Du bist besser dran Brille, 
besser als der Rest. 
A-Dur und vier Viertel, 
und Rock 'n' Roll als Härtetest. 
Die andern schon scheintot, 
Du springst aufs Podest – 
Du bist besser dran, Brille, 
besser, viel besser als der Rest.

Heinz Rudolf Kunze - Bring mich zur Welt zurück

Ich will dir gerne alles sagen, was ich weiß, mein Sohn. 
Bald wirst du merken: Es ist wenig. Und verbeult. 
Ich hab viel Spaß gehabt, und noch viel öfter Wut und Angst, 
und hab mir manche Nacht die Augen ausgeheult. 

Ich weiß noch heute nicht genau, wie so ein Flugzeug fliegt, 
und wie Gebete in Computersprache klingen. 
Ich wüßte gerne, wann man alle Bücher ausradiert, 
und ob's in hundert Jahr'n noch Leute gibt, die singen. 

Bring mich zur Welt zurück, mein Sohn. 
Das Allerwichtigste verstehst du schon. 
Wo ich mich rumtrieb, war kein Leben mehr. 
Ich hab dich rausgeholt, 
du holst mich wieder her. 

Ich wollte nicht so einfach spurlos ins Vergessen geh'n. 
Mein kleiner Tod ist doch das Ende einer Welt. 
Ich will dir gerne alles sagen, was ich weiß, mein Sohn: 
Fliegen lernt nur, wer aus allen Wolken fällt. 

Bring mich zur Welt zurück, mein Sohn. 
Das Allerwichtigste verstehst du schon. 
Wo ich mich rumtrieb, war kein Leben mehr. 
Ich hab dich rausgeholt, 
du holst mich wieder her.

Heinz Rudolf Kunze - Da müssen wir durch

Der Briefträger schaut dich mitfühlend an 
und fragt nach deinem Befinden 
das Telefon klingt wie ein Stotterer 
dein Hund führt einen Blinden 

Der Spiegel gerät in Verlegenheit 
und tarnt sich schlau als Schrankwand 
und plötzlich findet man reizvoll 
was man früher einfach krank fand 

Nicht die Augen bücken 
dann sind Teufel munter 
laß dich nicht erdrücken 
sie kriegen dich nicht unter 

Da müssen wir durch 
und das kann auch gelingen 
da müssen wir durch 
wir können ein Lied davon singen 
wie sich das anfühlt wenn alles taub ist 
wenn einem der Schlaf auf Dauer geraubt ist 
irgendwann fallen die Augen zu 
und gehen mit der Sonne wieder auf 
da müssen wir durch 
da müssen wir durch 
und da kommen wir durch 
sonst sind wir selber schuld 

Wie sich das anfühlt wenn alles taub ist 
wenn einem der Schlaf auf Dauer geraubt ist 
irgendwann fallen die Augen zu 
und gehen mit der Sonne wieder auf 
da müssen wir durch 
und da kommen wir durch 
verlaß dich darauf 

Verlaß dich darauf 
verlaß dich darauf 
verlaß dich darauf

Heinz Rudolf Kunze - Dabeisein ist alles

Der Saal war voll die Band war laut 
Nun bin ich nicht grad groß gebaut 
Ich hab mir glatt nen Wolf geschaut 
Dabeisein ist alles 
Das Mädchen vor mir kollossal 
Ihr Hintern war nicht mehr normal 
Die Band war irgendwann egal 
Dabeisein ist alles 

In Stalingrad wars lausig kalt 
Ich dachte hier werd ich nicht alt 
Doch was soll ich im Westerwald 
Dabeisein ist alles 
Der Oberst wollt mich nicht verstehn 
Er sagte Junge Du läßt Dir was entgehn 
Warmduscher will ich hier nicht sehn 
Dabeisein ist alles 

Dabeisein ist alles 
Verpassen ist tabu 
Wer dabei ist der gehört dazu 
Dabeisein ist alles 
Hörensagen nervt 
Immer drauf und dran und echt verschärft 

Auch Jesus Christ der Zaubermaus 
Ging selbst am Kreuz der Spaß nicht aus 
Mensch machen wir das Beste draus 
Dabeisein ist alles 
Uns wird die Stimmung nicht vermiest 
Bis sich das letzte Auge schließt 
Ich sehe was was Du nicht siehst 
Dabeisein ist alles 

Vertrauen ist gut 
Kontrolle ist besser 
Dabeisein ist am Besten 
Live mittendrin 
nur das macht Sinn 
Im Norden Süden Osten Westen 

Die eigene Beerdigung 
Kam ohne mich nicht recht in Schwung 
Ich fühlte mich auch viel zu jung 
Dabeisein ist alles 
Der Sarg war leicht der Sarg war leer 
Die Witwe nahm es ziemlich schwer 
Denn schon rief Heinz von oben her 
Dabeisein ist alles 

Dabeisein ist alles ....

Heinz Rudolf Kunze - Dank

Nicht für das 
was ich getan hab 
eher dafür 
was ich ließ 
nicht für das 
was ich erreicht hab 
oder wie es 
draußen hieß 

Nicht für das 
was ich gesagt hab 
ich hab viel zu 
viel gesagt 
wenn ich schwieg 
dann war ich klüger 
doch das hab ich 
kaum gewagt 

Nicht für Geld 
und gute Worte 
dann schon lieber 
für Verzicht 
nicht für das 
was mir zu leicht fiel 
denn ich kannte 
meine Pflicht 

Nicht für das 
was ich bereue 
aber sehr wohl 
für die Scham 
nicht für Ruhm 
Ganovenehre 
weil die ganz von 
selber kam 

Nicht für das 
was ich versuchte 
ich erwarte 
keinen Dank 
ich geb zu 
ich mach mir Hoffnung 
und die macht mich 
noch ganz krank 

Nicht für das 
was ich getan hab 
wenn schon dann für 
was ich war 
ich war wild 
zu mir entschlossen 
und ein bißchen 
sonderbar

Heinz Rudolf Kunze - Das All ist deutsch

Sie sind gelandet 
mein Schwager hats mir erzählt 
nicht in Nevada 
sie haben Deutschland gewählt 

Sie sind gelandet 
und er hat fotografiert 
endlich gelandet 
und ihm ist gar nichts passiert 

36 Bilder 
von Bielefeld bei Nacht 
ein leerer Himmel drübergebeugt 
36 Bilder 
hat er mitgebracht 
die haben mich restlos überzeugt: 

DAS ALL IST DEUTSCH 

Sie sind gelandet 
in einer Kugel aus Licht 
perfekte Tarnung 
Auf Fotos sieht man sie nicht 

Mein Schwager war nicht betrunken 
er war bestimmt nicht von Sinnen 
er sagt, wir könnten mit ihnen 
den dritten Weltkrieg gewinnen 

36 Bilder 
von Bielefeld bei Nacht 
ein leerer Himmel drübergebeugt 
36 Bilder 
hat er mitgebracht 
die haben mich restlos überzeugt: 

Sie sind gelandet 
sie sind genauso wie wir 
sie sind gelandet 
und es gefällt ihnen hier 

DAS ALL IST DEUTSCH 
DAS ALL IST DEUTSCH 
DAS ALL IST DEUTSCH 
DAS ALL IST DEUTSCH

Heinz Rudolf Kunze - Das Blaue vom Himmel

Ein offenes Buch liegt im Regen 
ich hab es nur geliehen 
es rührte mich zu Tränen 
das hab ich nie verziehen 

Nichts wird man je verstehen 
was man nicht längst schon mußte 
sich dumm zu stellen half noch nie 
seit man es besser wußte 

Drum hüll ich mich in Schweigen 
wie in ein Seidentuch 
und Regen schreibt auf meiner Haut 
wie in ein offnes Buch 

Das Blaue vom Himmel 
ist abtransportiert 
die Wolken waren beim Frisör 
ihr Nacken ausrasiert 
das Blaue vom Himmel 
wenn das gelogen war 
dann kauf ich es zum Schleuderpreis 
und zahl dafür in bar 

Ich geh mit gutem Beispiel 
voran in eine Zeit 
die mir nicht paßt und dir nicht 
und nach den Müttern schreit 

Armeen von Gestörten 
empfangen kein Signal 
sie klopfen sich die Schädel ab 
die Stille ist total 

Karl Marx trifft Adolf Eichmann 
an unbekanntem Ort 
und Jesus sagt beim Kreuzverhör 
nicht ein Sterbenswort 

Das Blaue vom Himmel 
ist ablösefrei 
der Wind heult um die ganze Welt 
und findet nichts dabei 
das Blaue vom Himmel 
wenn das gelogen war 
dann möchte ich begraben sein 
in Deinem schwarzen Haar

Heinz Rudolf Kunze - Das Ding

Gib mir das Ding 
gib mir das Ding 
weswegen ich sing 
gib mir das Ding 

Gib mir das Ding 
klingelingelingling 
dein Yang für mein Ying 
gib mir das Ding 

Vom Kopf bis zu den Zehn 
so will ich dich sehn 
bleib ganz einfach so stehn 
schön 

Gib mir das Ding 
und dann das andere 
weswegen ich wandere 
das andere Ding 

Zur Hölle und zurück 
gib mir das Ding 
und dann das andere 
Stück für Stück 

Gib mir das Ding-a 
ich leck mir die Fing-a 
ich will dein Ding-a 
ich bin dein Bezwing-a 

Gib mir das Ding 
komm gib mir das Ding 
sag mal stehst du auf Sting 
oh Gott 

Komm gib mir das Ding 
gib mir das Ding 
gib mir das Ding 
gib mir das Ding 

Vom Kopf bis zu den Zehn 
so will ich dich sehn 
bleib ganz einfach so stehn 
schön 

Gib mir das Ding 
gib mir das Ding 
komm gib mir das Ding 
gib mir das Ding 

Gib mir das Ding 
gib mir das Ding 

Komm gib mir das Ding 
gib mir das Ding

Heinz Rudolf Kunze - Das perfekte Verbrechen

Die Außenwelt: 
der Stunt der Dinge 
der Bundesgrinsschutz konzentriert die Sonderlinge 
die Supermacht 
schickt Hoffnungsträger 
wer Böses denkt verfällt dem bleichen Kammerjäger 

Und wir warten auf den explodierten Bus 
der uns verheißen ist 
der da kommen muß 
und wir warten bis die schwachen Seiten stechen 
warten 
warten 
auf das perfekte Verbrechen 

Wir saugen Milch 
aus Höhensonnen 
Diogenes rotiert in virtuellen Tonnen 
kein Schatten mehr 
selbst unter Palmen 
die Erde summt ein Lied aus Salamanderpsalmen 

Mach mich nicht gescheiter als ich bin 
küß mich nicht husarenhaft aufs Kinn 
du warst mir seit altersher versprochen 
komm mir bloß nicht später angekrochen 

Und wir warten auf das Loch im Herz der Zeit 
ein schmaler Fenstersims 
der Schritt zur Ewigkeit 
und wir warten bis die schwachen Seiten stechen 
warten 
warten 
auf das perfekte Verbrechen 

Und wir warten auf den explodierten Bus 
der uns verheißen ist 
der da kommen muß 
und wir warten bis die schwachen Seiten stechen 
warten 
warten 
auf das perfekte Verbrechen

Heinz Rudolf Kunze - Das Ultimatum

Er hatte einen Brief verfaßt, 
der lautete wie folgt: 
"Hier ist mein Ultimatum an die Welt. 
Wenn binnen sieben Tagen nicht 
wer kommt, um mich zu sehn, 
dann zahle ich das letzte Lösegeld. 
Ich habe mich verproviantiert 
für eine Woche knapp, 
die Tür verschlossen und geh nirgends hin. 
Ich bin kein Philosoph, und doch: 
Ich führe den Beweis. 
Seid sicher, daß ich nicht umnachtet bin." 

So sehn wir ihn am zweiten Tag: 
Die Tür ist unberührt. 
Er wäscht sich, macht sich Frühstück, ganz normal. 
Dann weiß er nicht genau, wohin 
mit sich und seiner Zeit, 
hört Radio, durchblättert ein Journal. 
Es wird auch Mittag, irgendwie, 
der Rundfunk hat's bezeugt, 
er geht zum Herd und brät sich ein Kotelett. 
Dann greift er sich Immanuel Kant, 
sieht fern bis null Uhr zehn, 
schläft ein in seinem ungemachten Bett. 

So sehn wir ihn am dritten Tag: 
Um elf klopft jemand an! 
Er hat verschlafen, schießt jetzt hellwach auf! 
Der draußen murmelt so etwas wie 
"...habe mich geirrt..." 
und steigt dann in den nächsten Stock hinauf. 
Es braucht nun eine ganze Zeit, 
bis daß er das verdaut, 
und was er sich auch kocht, es schmeckt ihm nicht. 
Er merkt an sich, wieviel er trinkt, 
und daß des nachts was saust, 
und daß er mit sich Selbstgespräche spricht. 

So sehn wir ihn am vierten Tag: 
Ein Stockwerk unter ihm 
wurd' scheinbar heute früh ein Kind gebor'n 
Da kräht es und da poltert es, 
der Mutterkuchen dampft, 
und er hat einen Hosenknopf verlor'n. 
Und als der Tag zur Neige geht: 
Ein Stockwerk über ihm 
ist eine alte Frau mit Sterben dran. 
Ihm kommt es vor, als säße er 
im Fahrstuhl, zweiter Stock, 
der hält am siebten Tag dort oben an. 

So sehn wir ihn am fünften Tag: 
Das Fernsehn ist kaputt. 
Ein trübes Frühstück ohne Frühprogramm. 
Er stellt sich vor den Spiegel, bleibt 
dort lange Stunden stehen 
und merkt dann, daß er kaum noch sprechen kann. 
Er greift zum Buch, es fällt ihm hin, 
er greift es sich erneut, 
zum Lesen sind die Augen viel zu wund. 
Ein schwarzer Vogel fliegt vors Fenster- 
Glas mit voller Wucht, 
er schaut hinaus ins rote Abendrund. 

So sehn wir ihn am sechsten Tag: 
Er fiebert und ist matt. 
Beim bloßen Liegen tut er sich schon weh. 
Er hört kaum noch im Treppenhaus 
das große Auf und Ab, 
gleich nebenan steigt heut ein Balle Paree 
Er merkt nicht, wann es dunkel wird, 
er schaut nicht mehr hinaus, 
seit Ewigkeiten liegt er steinern still. 
Des nachts erbricht er sich, als grad 
ein Heißsporn nebenan 
ein Mädchen zu sich nieder reden will. 

So sehn wir ihn am siebten Tag: 
Er ist noch einmal frisch. 
Er öffnet die Gardinen, beugt die Knie. 
Er frühstückt in Ausführlichkeit, 
räumt alles sauber weg, 
er pfeift sich seine Lieblingsmelodie. 
Dann reckt er sich, dann denkt er sich 
"jetzt wird es aber Zeit", 
er nimmt ein Papier, schreibt "q.e.d." darauf, 
er holt sich einen starken Stuhl 
und einen starken Strick 
und hängt sich ohne Augenschliessen auf.

Heinz Rudolf Kunze - Das weiche Wasser bricht den Stein

Was Du willst, geht nicht 'ohne Dich' 
drum sag bloß keiner 'nicht mit mir' 
Mensch komm und schaf Dein 'großes Ich' 
mit ran, mit rein bei unserm 'Wir' 

Klar: unser Weg ist elend weit 
noch ältre Bilder falln mir ein 
nur: in Bewegung, mit der Zeit 
siegt jedes Wasser über Stein 

WIR SIND DIE STÄRKSTE DER PARTEIN 
UND SIND WIR SCHWACH, UND SIND WIR KLEIN 
WIR WOLLEN WIE DAS WASSER SEIN 
DAS WEICHE WASSER BRICHT DEN STEIN 

Europa hatte zweimal Krieg 
der dritte wird der letzte sein 
glib bloß nicht auf! gib nicht klein bei! 
das weiche Wasser bricht den Stein 

Die Rüstung sitzt am Tisch der Welt 
und Kinder, die vor Hunger schrein 
für Waffen fließt das große Geld 
doch weiches Wasser bricht den Stein 

WIR SIND DIE STÄRKSTE DER PARTEIN 
UND SIND WIR SCHWACH, UND SIND WIR KLEIN 
WIR WOLLEN WIE DAS WASSER SEIN 
DAS WEICHE WASSER BRICHT DEN STEIN 

Monopoli, das kalte Spiel 
solln Menschen nur Figuren sein? 
die Sieger kosten uns zuviel 
und jeder wird dbei zum Stein 

Drum tanz mit uns auf unsrm Fest 
laß zeigen wie sich's leben läßt 
Mensch! ... Menschen können Menschen sein 
das weiche Wasser bricht den Stein 

WIR SIND DIE STÄRKSTE DER PARTEIN 
UND SIND WIR SCHWACH, UND SIND WIR KLEIN 
WIR WOLLEN WIE DAS WASSER SEIN 
DAS WEICHE WASSER BRICHT DEN STEIN

Heinz Rudolf Kunze - Dein ist mein ganzes Herz

Wir haben uns auf Teufel-komm-raus geliebt. 
Dann kam er, und wir wußten nicht mehr weiter. 
Du machtest Dich nicht gut als sterbender Schwan, 
ich hab versagt als finsterer Reiter. 

Statt Pech und Schwefel plötzlich nur noch Gletscher und Geröll. 
Wir haben so viel Glück auf dem Gewissen. 
Ich brauche jeden Morgen Deinen Nachtgeruch 
und keine falschen Wimpern auf dem Kissen. 

Dein ist mein ganzes Herz. 
Du bist mein Reim auf Schmerz. 
Wir werden Riesen sein. 
Uns wird die Welt zu klein. 

Was sind das bloß für Menschen, die "Beziehungen" haben? 
Betrachten die sich denn als Staaten? 
Die verführen sich nicht, die entführen sich höchstens. 
Die enden wie Diplomaten. 

Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein. 
Ich möchte gar nichts andres ausprobieren. 
Wir sind wie alle andern, denn wir möchten heim. 
Es ist fast nie zu spät, das zu kapieren. 

Dein ist mein ganzes Herz. 
Du bist mein Reim auf Schmerz. 
Wir werden Riesen sein. 
Uns wird die Welt zu klein.

Heinz Rudolf Kunze - Dein vorletzter Wille

Da liegst du nun. Regungslos, taub, stumm und blind, 
ein Leben an hauchdünnen Schläuchen. 
Kriegst kaum noch Besuch. Was immer man flüstert, 
es kann dich ja doch nicht erreichen. 

Noch pocht es in dir. Wir beobachten, prüfen, 
vergleichen die Meßwerte ständig. 
Du wirst allem Ermessen nach nie mehr erwachen 
und bist unstrittig klinisch lebendig. 

Erlöse mich, wenn es zum Schlimmsten kommt – 
das war doch dein vorletzter Wille. 
Ich berührte dich beinah und spürte kaum 
Beschlag auf meiner Brille. 

Die Tage vergehen und werden zu Wochen, 
Sekunden so lang wie sonst Stunden. 
Die Antworten liegen mir schal auf der Zunge, 
die Hände von Fragen gebunden. 

Da liegst du nun. Welche Schuld fordert als Preis 
ein so rasend vergebliches Leiden? 
Welch jüngstes Gericht hat deine Akte verlegt? 
Muß Gott alles selber entscheiden? 

Erlöse mich, wenn es zum Schlimmsten kommt – 
das war doch dein vorletzter Wille. 
Dein letzter war nur ein Schluck Wasser. 
Und seither nichts als Stille.

Heinz Rudolf Kunze - Demokratisch

Es ist erreicht 
es ist vollbracht 
es werde Licht 
es werde Nacht 
ein jeder Schwachkopf 
kann auf Erden 
alles werden 
alles werden 
Geschmack und Geist 
verläuft im Sande 
hierzulande 
hierzulande 
hoch steigt sie auf 
hoch lebe sie 
die Idiotie 
die Idiotie 
das ist demokratisch 
das ist tolerant 
das ist sehr sympathisch 
das ist interessant 
das ist demokratisch 
das ist freiheitlich 
das feiere ich fanatisch 
das begeistert mich 
egal ob Mann 
noch lieber Frau 
wir nehmen es 
nicht so genau 
wir brauchen zwölf 
statt zehn Gebote 
den Trottelschutz 
die Stümperquote 
du bist zu blöd 
zum Geradegehn 
dann wolln wir dich 
im Fernsehn sehn 
die Birne weich 
das Hirn verschlammt 
warum nicht gleich 
ins Kanzleramt 
das ist demokratisch 
das ist progressiv 
da werd ich ganz ekstatisch 
das ist konstruktiv 
das ist demokratisch 
das ist liberal 
afroasiatisch 
und phänomenal 
gleiches Recht für alle 
Tod dem Unterschied 
fick dich wenn dus besser weißt 
marsch zurück ins Glied 
wir lassen uns nichts sagen 
was wir nicht selber lallen 
und überhaupt wir lassen uns 
nur noch uns gefallen 
das ist demokratisch 
das ist konsequent 
jeder Affe taugt bei uns 
zum Chef und Präsident 
das ist demokratisch 
jedem nackte Weiber 
alle müssen vorne stehn 
keine Sitzenbleiber 
und wehe wer 
Bedenken hat 
der findet nicht 
und nirgends statt 
die Mafia 
der Dämlichkeit 
erledigt dich 
ihr Arm reicht weit 
ein falscher Blick 
ein falsches Wort 
auf Spielverderb 
steht Meuchelmord 
das ist demokratisch 
das haben wir vollbracht 
das ist demokratisch 
und es werde Nacht 
das ist demokratisch 
das haben wir erreicht 
das ist demokratisch 
und es war ganz leicht

Heinz Rudolf Kunze - Den Bach runtergehn

Im Asphalt sind Befehle, 
die lesen deine Räder, wenn du drüberrollst. 
Sie funktionieren wie Hypnose: 
Beim Fahren lernst du, was du tun und lassen sollst. 

Es beginnt an den Rändern: 
Schamanen lesen Knochenwurf und Vogelflug. 
Es wird alles verändern. 
Die Schlachtenbummler springen auf den letzten Zug. 

Laß uns den Bach runtergehn, 
endlich den Bach runtergehn. 
Wir wollen ins Meer, 
denn da kommen wir her. 
Laß uns kein Land mehr sehn. 

Tausend gierige Priester 
durchkämmen unsre Städte nach geschwächtem Fleisch. 
Sie machen keine Gefangenen, 
bleib unter deiner Decke und mach kein Geräusch. 

Tötet Unschuldige! 
steht auf ihrem Kleid. 
Tötet Unschuldige! 
Endlich ist es soweit. 
Tötet Unschuldige! 
Wer noch Gründe hat, lügt. 
Tötet Unschuldige! 
Wer verloren ist, siegt. 

Laß uns den Bach runtergehn, 
endlich den Bach runtergehn. 
Wir wollen ins Meer, 
denn da kommen wir her. 
Laß uns kein Land mehr sehn. 

Im Gestein sind Gedichte, 
die eitle Tierart aufgehoben atemlos. 
Für Fremde nicht zu entziffern, 
das letzte Wort behalten Wasser, Wind und Moos.

Heinz Rudolf Kunze - Der Abend vor dem Morgen danach

Komm in meine Arme, 
wag dein ganzes Glück. 
Fall mir in die Hände, 
schau nicht mehr zurück. 

Wirst ein Raub der Flammen, 
wenn's dich traurig macht. 
Brenn an beiden Enden, 
leuchte durch die Nacht. 

Erinner' mich dran in tausend Jahren, 
was ich dir heute versprach: 
Dies wird der Abend, 
dies wird der Abend 
vor dem Morgen danach. 

Laß uns nicht mehr warten, 
leise keucht die Uhr. 
Keiner, der allein ist, 
findet unsre Spur. 

Keine Angst vor Wünschen, 
keine Angst vor Gier. 
Uns bewacht ein Engel 
und ein wildes Tier. 

Erinner' mich dran in tausend Jahren, 
was ich dir heute versprach: 
Dies wird der Abend, 
dies wird der Abend 
vor dem Morgen danach. 

Sag', was darf ich sein für dich, 
nenn mir Zeit, Gestalt und Ort. 
Wenn die Händler dich belagern – 
nur ein Wink, ich jag sie fort. 
Leben wie ein langer Kuß ... 
komm und überquer den Fluß .... 

Erinner' mich dran in tausend Jahren, 
was ich dir heute versprach: 
Dies wird der Abend, 
dies wird der Abend 
vor dem Morgen danach.

Heinz Rudolf Kunze - Der alte Herr

Ein Dorf in Südfrankfreich 
ein Wachturm in Polen 
jede Nacht wach ich auf 
und wir gehen sie holen 

Was billig und recht ist 
entscheidet der Sieg 
ihr kichernden Kinder 
erklärt mir den Krieg? 

Der alte Herr trinkt auf den Gang der Dinge 
auf jeden den der faule Frieden fällt 
der alte Herr sitzt nie am offnen Fenster 
hört Volksmusik und haßt den Rest der Welt 

Das Weiße im Auge 
des Feindes zu sehn 
heißt nichts als geduldig 
vorm Spiegel zu stehn 

Was gut und was schlecht ist 
ihr wißt es genau 
ihr seid mir zu eilig 
zu heilig zu schlau 

Der alte Herr bekommt noch viele Briefe 
aus Paraguay postlagernd nachgesandt 
aus Argentinien Chile und Brasilien 
und neuerdings aus seinem eigenen Land 

Kein Sand und kein Schneesturm 
kein Himmel kein Meer 
verwischt meine Spuren 
sie führen hierher

Heinz Rudolf Kunze - Der Anruf

Wir hören daß es klingelt 
ganz hinten im Gehirn 
doch wir gehen nicht ran 
wir heben nicht ab 
wir runzeln nur die Stirn 

Wir hören daß da jemand 
uns dringend sprechen will 
wir ahnen wer es ist 
wir löschen das Licht 
und verhalten uns ganz still 

Wir kennen seine Frage 
sie brennt von Pol zu Pol 
wir kennen auch die Antwort 
sie liegt uns auf der Zunge 
und fühlt sich da ganz wohl 

Wer immer da auch anruft 
er klingelt mit Geduld 
die Lippen werden bleich 
und manchem rutscht heraus: 
Vergib uns unsre Schuld 

Wir frieren und der Angstschweiß 
läuft über unsre Stirn 
wir haben jetzt kein Taschentuch 
wir horchen auf das Klingeln 
ganz hinten im Gehirn 

Wir hören daß es klingelt 
ganz hinten im Gehirn 
doch wir gehen nicht ran 
wir heben nicht ab 
wir runzeln nur die Stirn

Heinz Rudolf Kunze - Der einzige ehrliche Mensch auf der Welt

Ich bin der einzige ehrliche Mensch auf der Welt 
ich habe Angst im Dunkeln und tanze nie 
ich veredele die Wirklichkeit 
aber mach das mal einem andern klar. 

Ich bin der einzige ehrliche Mensch auf der Welt 
ich habe meine Zweifel an der Demokratie 
Dämlichkeit als Preis der Freiheit 
Den Griechen nach! Den Griechen nach! 

Ich bin der einzige ehrliche Mensch auf der Welt 
ich übernehme die Sowjetunion 
ich reise unter falschem Namen: 
Alfred Tutein und Odradek 

Rhythmische Opfer 
rhythmische Opfer 
rhythmische Opfer 
rhythmische Opfer 

Ich bin der einzige ehrliche Mensch auf der Welt 
ich bete im Flugzeug und ich schreie auf Klippen 
ich kann mir keine Träume merken 
im Wartezimmer will ich mit dem Kopf durch die Wand 

(Mit dem Kopf durch die Wand 
mit dem Kopf durch die Wand 
mit dem Kopf durch die Wand 
mit dem Kopf durch die Wand) 

Ich bin der einzige ehrliche Mensch auf der Welt 
mein ist der Glaube an die Inspiration 
mein ist das Verhängnis der Größe 
mein ist der langsame Pfeil der Schönheit 

Die Kunst macht dem Denker das Herz schwer

Heinz Rudolf Kunze - Der Entschluß

Da bist du ja, Marlene 
gut, daß du kommst 
nein, hier ist nichts passiert 

Keinerlei Post 
nicht mal Reklame 
ich habe staubgesaugt 
und die Schrankwand blankpoliert 

Wie war die Arbeit 
schmeckt dir mein Essen 
komm bitt nie mehr nachhaus 

Die Katze 
und ich 
wir wollen heiraten

Heinz Rudolf Kunze - Der Fahrradladen

Der Fahrradladen soll wieder da sein wo 
er immer war 
Der Fahrradladen soll wieder da sein wo 
er immer war 
ich meine klar es gab mal Zeiten wo da 
noch kein Laden war 
doch das war lang vor meiner Zeit das ist schon 
nicht mehr wahr 
warum ist denn jetzt der Fahrradladen 
nicht mehr da 
warum wohnen da jetzt Leute die da gar 
nicht hingehörn 
mein Gedächtnis sieht da diesen Laden vor die 
Leute störn 
der Fahrradladen soll wieder da sein wo 
er immer war 
einen Tag noch dann haben wirs geschafft sagt der 
kesse Mann im Radio 
dann ist Wochenende meint er wohl damit und er glaubt das 
macht die Leute froh 
warum wollen eigentlich alle daß das Leben möglichst 
schnell vergeht 
kurz und schmerzlos sich verpißt und so wertlos ist wie 
das was in der Zeitung steht 
also ich ich brauche länger und ich hasse diese 
allgemeine Rutschgefahr 
der Fahrradladen soll wieder da sein wo 
er immer war 
ich meine klar es gab mal Zeiten wo das 
Fahrradfahren noch nicht mal erfunden war 
in denen wäre wohl ein Fahrradladen allemal ein 
ganz klein bißchen sonderbar 
einen Tag noch dann haben wirs geschafft sagt der 
kesse Mann im Radio 
und das mit Fahrradläden vor der Zeit des 
Fahrradfahrens sieht er sicher ebenso 
die Leute die da wohnen und mich stören hören 
alle seiner Sendung zu 
einen Tag noch dann haben sies geschafft dann 
hat die schlappe Seele Ruh 
die wissen vielleicht gar nicht daß da 
bis vor kurzem dieser Fahrradladen war 
das stört die überhaupt nicht und deswegen wächst nicht 
einem nur ein graues Haar 
die denken nur ans Wochenende nicht an mein 
Gedächtnis oder Fahrradfahrn 
die wollen nur noch fertig werden fertig mit dem 
Spaß und mit den Lebensjahrn 
die wohnen da und fühlen daß sie nirgends hingehörn 
die fragen sich wo und bei wem kann man sich bloß beschwern 
über Gott und diese Welt und übers Radio 
sie hören gar nicht zu und werden niemals froh 
und das Plappermaul im Radio ist der superisolierteste 
Autistenstar 
und niemals wird der Fahrradladen wieder da sein wo er immer war 
und niemals wird der Fahrradladen wieder da sein wo er immer war

Heinz Rudolf Kunze - Der Kaiser soll mir sagen wer ich bin

Paß auf die Sterne sind mir schnuppe und die Haare in der Suppe 
deiner Tränen machen alles nicht grad besser 
okay ich hab verlernt zu träumen so wie du dich aufzubäumen 
und wir unterschreiben nur noch mit dem Messer 

So wird die Seele ausgeweidet bis der Tod uns nicht mehr scheidet 
und der Sehnsuchtskrieg geht über alle Kräfte 
dabei ist all das nicht mehr nötig das Gen Nie macht sich erbötig 
uns zu mehren ohne Fleisch und Blut und Säfte 

Der Kaiser soll mir sagen wer ich bin 
bei ihm hat alles Hand und Fuß und Sinn 
der Kaiser wird gesponsert von Gott Vater 
der Kaiser sei mein Steuer und Berater 

Paß auf vergiß das wahre Leben das hats sicher nie gegeben 
doch das falsche hat immense Folgekosten 
erst Kampf um Arbeit dann um Wasser Marx und Nietzsche werden blasser 
und wo die Sonne aufgeht ist nicht immer Osten 

Der Kaiser soll mir sagen wer ich bin 
ein Führer ohne Furcht und Doppelkinn 
die lauwarm temperierte Lichtgestalt 
ihm brennt nichts an ihm wird kein Wunder kalt 

Mir fließt die Zeit zu schnell und schmutzig jeder Prediger klingt putzig 
und was mannbar ist entscheiden schwüle Riten 
das mit dem Kreuz hat schließlich jeder ob in Loden oder Leder 
seinen Teilzeitchristus muß man sich schon mieten 

Der Kaiser soll mir sagen wer ich bin 
ihm lauschen ist ein keuscher Reingewinn 
zu beten ist ein dunkler Doppelpaß 
zu glauben heißt beim Elfer brennt das Gras

Heinz Rudolf Kunze - Der letzte Dreck

Die letzten Junkies haben sich nun endgültig verdrückt. 
Der Kanzler sitzt im Tiefkühlschrank und döst. 
Das Volk hat sich entschieden. Es ist von sich selbst entzückt. 
Der Bundestag tanzt völlig losgelöst. 

Beim Beißen in den Burger seufzt ein Hacksteak. Du wirst stumm. 
Die Liebe kalt und keimfrei abgefuckt. 
Descartes studiert Aerobic: incognito ergo sum. 
Wir brauchen einen Denker, der es packt. 

Ich bin der letzte Dreck in einer aufgeräumten Welt. 
Ich stink noch nach was andrem als nach Geld. 
Die Frauen völlig zu, 
die Männer völlig weg, 
ich bin dagegen nur der letzte Dreck. 

Moderne Eltern kopulieren in der Umlaufbahn. 
Das Baby kommt mit Kabelschnur zur Welt. 
Fußfetischisten kriegen plötzlich Strafverfolgungswahn 
und geben ihrer Freundin Fersengeld. 

Ab morgen dürfen Ratten wählen und sich wählen lassen. 
Sie können jetzt ihr Glück noch gar nicht fassen. 
Und ich hab's satt, noch immer neue Dinge aufzuzählen, 
die mir aus alten Gründen gar nicht passen. 

Ich bin der letzte Dreck in einer aufgeräumten Welt. 
Ein tanzverdrossner deutscher Teilzeitheld. 
Die Frauen völlig zu. 
Die Männer völlig weg, 
ich bin dagegen nur der letzte Dreck.

Heinz Rudolf Kunze - Der Mann der zu atmen vergaß

Jemand schläft in meinem Schlaf 
Ironie verträgt er nicht 
jemand beichtet meinen Fund 
jemand wächst mir durchs Gesicht 

Jemand blutet seit ich traf 
leugnet was noch für mich spricht 
jemand leckt mein Glashaus rund 
geht zum Brunnen bis er bricht 

Der Mann der zu atmen vergaß 

Jemand steckt im Pelz vom Schaf 
nimmt im vierten Gang die Sicht 
malt mein Bett pulsadernbunt 
jemand übt Gestaltverzicht 

Jemand schläft in meinem Schlaf 
melkt aus allen Wolken Licht 
jemand will mich lebend und 
jemand kennt mein Totgewicht 

Der Mann der zu atmen vergaß 
Der Mann der zu atmen vergaß 

Geh für mich zur Ohrenbeichte 
Imker meinen Morgenschweiß 
zähl mir auf was ich erreichte 
iß es wie ichs koch so heiß 

Jemand beichtet meinen Fund 
jemand leckt mein Glashaus rund 
malt mein Bett pulsadernbunt 
jemand will mich lebend und 

Der Mann der zu atmen vergaß 
Der Mann der zu atmen vergaß 
Der Mann der zu atmen vergaß

Heinz Rudolf Kunze - Der Präsident

Ich bin der Präsident 
vom freisten Land der Welt 
ich füttere meine 
Feinde gut 
ich achte auf die Moral 
und schicke Attentate 
auch Freunde brauchen manchmal 
eine harte Hand 

Ich bin der Präsident 
vom freisten Land der Welt 
ich weiß ihr fragt euch alle 
was macht er nachts 
mein Gesicht bleibt immer 
unter Kontrolle 
und geruchlos denn mein Spiegel 
überlebt die Explosion 

Ich bin der Präsident 
vom freisten Land der Welt 
ich bin auch nur ein Mensch 
ich bin auch nur ein Mensch 
mit Hitler begann ich 
die Theaterlaufbahn 
er spielte damals 
den dreizehnten Zwerg 

Ich bin der Präsident 
vom freisten Land der Welt 
zum Geburtstag lad ich 
alle ein 
der erste Tanz gehört der Japanerin 
die sich vor Knochenkrebs 
nicht mehr bewegen kann 

Ich bin der Präsident 
vom freisten Land der Welt 
die Japanerin schreit 
was schaut ihr mich so an 
ihr Kind mit dem Minikopf 
wird auch versorgt 
es kriegt ein par Comics 
und liegt still in der Ecke

Heinz Rudolf Kunze - Der Schlaf der Vernunft

Ein König unter Blinden 
sieht nichts was ihm gefällt 
sein Auge sendet Feuer 
in jeden Teil der Welt 
es kriechen seine Knechte 
geblendet durch den Staub 
ich weiß nicht wo ich hingehör 
ich weiß nicht was ich glaub 

Die Dummen und die Bösen 
im Paradies vereint 
man läßt uns nicht mal mehr das Recht 
auf unsern wahren Feind 
ein König unter Blinden 
reitet uns voran 
der ganze Wahnsinn dieser Welt 
in diesem einen Mann 

Egal wie weit ich fahre 
nirgends Unterkunft 
wie viele tausend Jahre 
dauert der Schlaf der Vernunft 

Ein unsichtbares Fieber 
der Tod kommt mit dem Wind 
Geliebte ich verschweig dir besser 
wo die Blumen sind 
der König unter Blinden 
mißbraucht sogar das Licht 
uns darf er niemals finden 
nein uns bekommt er nicht 

Man möchte wie ein kleines Kind 
DAS GEHT NICHT schrein 
man möchte heute lieber nicht 
geboren sein 

Egal wie weit ich fahre 
nirgends Unterkunft 
wie viele tausend Jahre 
dauert der Schlaf der Vernunft

Heinz Rudolf Kunze - Der schwere Mut

Wäre ich ein Dichter, 
dann wählte ich das Schweigen. 
Wäre ich ein Heiliger, 
dann wählte ich die Welt. 
Wie die Dinge liegen, 
mache ich mir sanft zu eigen, 
was hinter unsern Augen 
langsam in die Asche fällt. 

Wäre ich ein Tänzer, 
dann wählte ich die Lähmung. 
Wäre ich ein Sänger, 
dann wählte ich den Schrei. 
Bleiben von der Gegenwart 
wird nichts als die Beschämung: 
So ist es gewesen. 
Ich war hemmungsvoll dabei. 

Ich denke, also bin ich. Also gut. 
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut. 

Bin ein Besserwisser, 
habe Tricks, Tabus, Termine: 
Aufgehobenes Opfer 
auf der Schwelle zum Schaffot. 
Irre durch die Wüsten als Beziehungs-Beduine. 
Geh an meinem Wechsel auf die Ewigkeit 
bankrott. 

Hoffe jeden Glaubenssatz beizeiten zu verraten. 
Suche und behaupte noch 
die Möglichkeit von Glück. 
Stopfe Schokoladenherzen in die Automaten. 
Gebe, was ich geben kann. 
Und nehme nichts zurück. 

Ich pflanze einen Baum in meine Wut. 
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut. 

Wäre ich ein Liebender, 
dann suchte ich die Eine, 
die sich an die eigne große Endlichkeit verhurt. 
Wäre ich ein Embryo, 
dann wählte ich totz allem 
jetzt und auch in Zukunft 
immer wieder die Geburt. 

Ich pflanze einen Baum in meine Wut. 
Mein Lebensmittel ist der schwere Mut.

Heinz Rudolf Kunze - Der Tag wird kommen

Umsonst ist gar nichts 
du mußt bezahlen 
das ist kein blöder Spruch 
das ist nur wahr 
du mußt bezahlen 
für jeden Fehler 
und der Teufel nimmt es nur in bar 

Du hast geliebt und 
du hast gelitten 
du hast vergessen und 
du hast verdrängt 
und wenn du klamm bist 
dann zahlst du Raten 
denn du kriegst es einfach nicht geschenkt 

Der Tag wird kommen 
da bekennst du deine Farbe 
da hilft kein Feilschen 
und kein Tricksen bauernschlau 
der Tag wird kommen 
da sieht jeder deine Narbe 
und die Nacht die darauf folgt macht jede 
Wasserstoffblondine katzengrau 

Du bist nicht schlechter 
als alle andern 
doch daß du besser bist 
das glaubst nur du 
auch dieser Zahn wird 
dir noch gezogen 
und der Arzt schaut ohne Spritze zu 

Du mußt nicht jammern 
und nicht verzweifeln 
du hast die gleiche Chance 
wie jeder hier 
bist nicht der erste 
und nicht der letzte 
und sie alle können nichts dafür 

Der Tag wird kommen 
wo der Blick vor Angst sich weitet 
dann wird die Rechnung 
ohne Gutschrift präsentiert 
der Tag wird kommen 
und sei besser vorbereitet 
wo Sekunden dir so lang erscheinen 
als ob man im eignen Blut erfriert 

Der Tag wird kommen 
und es liegt in deinen Händen 
wie er vonstatten geht 
und ob er dich mag 
ob er dich richtet 
oder deine Sorgen enden 
kann sein es wird ja doch 
ein guter Tag

Heinz Rudolf Kunze - Die kommen immer wieder

Ich habe Hitler gesehn 
er schrie Shalom und spielte Holocaust im Libanon 
ich habe Stalin gesehn 
er haßt Gewalt und leitet eine Nervenheilanstalt 

Die kommen immer wieder 
die sind alle noch da 
die kommen alle immer schlimmer wieder 
die sind ganz ganz nah 

Ich habe Jesus gesehn 
mit Brandgesicht als Napalmsäugling ohne Augenlicht 
ich habe Marx gesehn 
er mag den Papst und der mag ihn (er gibt ihm Heroin) 

Die kommen immer wieder 
die sind alle noch da 
die kommen alle immer schlimmer wieder 
die sind ganz ganz nah 

Ich habe Shakespeare gesehn 
er führt Regie als Hamlet sehn sie Reza Pahlevi 
ich habe Einstein gesehn 
er singt The Show Must Go On und wohnt im Pentagon 

Die kommen immer wieder 
die sind alle noch da 
die kommen alle immer schlimmer wieder 
die sind ganz ganz nah 

Ich habe Mozart gesehn 
er spielt jetzt Punk und hat ein Konto auf'ner Schweizer Bank 
ich hab Kopernikus gesehn 
er ist Entsorgungsspezialist weil er für Fortschritt ist 

Die kommen immer wieder 
die sind alle noch da 
die kommen alle immer schlimmer wieder 
die sind ganz ganz nah 

Mich hab ich nicht gesehn 
mag sein daß ich bei so viel Prominenz nicht nötig bin 
nicht mein Gesicht gesehn 
es schwimmen viel zu viele naß geerbte Tränen drin 

Dich hab ich nicht gesehn 
euch hab ich nicht gesehn ja sagt mal worauf wartet ihr 
uns hab ich nicht gesehn 
uns hab ich nicht gesehn ja sagt mal worauf warten wir

Heinz Rudolf Kunze - Die langen Messer der Nacht

Die Männer nach links 
die Frauen nach rechts 
zur Mitternachtsparty 
des Menschengeschlechts 

Die Kleider hier abgeben 
Tempo loslos 
der Abgang ist einfach 
der Andrang ist groß 

Der Kellner ist jung 
die Kassiererin kühl 
der DJ ist grausam 
der Dealer hat Stil 

Die langen Messer der Nacht 
Die langen Messer der Nacht 

Immer dem Rauch nach 
treten Sie ein 
schreien Sie lauter 
Sie sind nicht allein 

Tanzen macht frei 
jedem das Seine 
bewegliche Ziele 
schießt auf die Beine 

Ein Baßbajonett 
direkt in den Bauch 
du sahst immer schon tot aus 
jetzt bist du es auch 

Die langen Messer der Nacht 
Die langen Messer der Nacht 
Die langen Messer der Nacht 
Die langen Messer der Nacht 

Gedächniskontrolle 
Rücken zur Wand 
Kopf in den Sand 
Herz in die Hand 

Das Schlagzeug marschiert 
wie die Sechste Armee 
bis zum bitteren Ende 
und es tut gar nicht weh 

Die langen Messer der Nacht 
Die langen Messer der Nacht

Heinz Rudolf Kunze - Die offene See

Was hab ich hier zu suchen? 
Was hab ich hier verloren? 
Wenig Feuer, zuviel Rauch, 
diese Stadt ist wie ein Bauch, 
und ich werd und ich werd nicht geboren. 

Mancher träumt sich 
auf die allerfernste Insel: 
Nichts dabei als Aspirin 
und ein Herrenmagazin, 
und im Kopf ein längst vergessnes Blutgerinnsel. 

Aber nichts ist für immer, 
wenn ich die Zeichen hier richtig versteh. 
Bald kommt ein Licht am Ende des Tunnels 
bald erreichen wir die offene See. 

Ich laufe um mein Leben 
und komm doch nicht vom Fleck. 
Ich werd mich nie ergeben, 
ich bleibe hier nicht kleben, 
ich muß hier einfach irgendwie weg. 

Kennst du das Gefühl, eine Stewardess zu sein, 
und bei jedem Start den Notausgang zu zeigen, 
und keiner schaut dir zu, lauter bleiche Passagiere, 
die sich krampfhaft in die Sportberichte beugen? 

Aber nichts ist für immer, 
wenn ich die Zeichen hier richtig versteh. 
Bald kommt ein Licht am Ende des Tunnels, 
bald erreichen wir die offene See. 

Mein Herz will endlich wissen, 
was mein Kopf schon lange wußte. 
Heute will ich tanzen, 
tanzen ohne Schuhe, 
tanzen ohne Rücksicht auf Verluste. 

Denn nichts ist für immer, 
wenn ich die Zeichen hier richtig versteh. 
Bald kommt ein Licht am Ende des Tunnels, 
bald erreichen wir die offene See.

Heinz Rudolf Kunze - Die Peitschen

Die Peitschen 
die Deitschen 
die Juden 

Die Tschechen 
die Frechen 
die Luden 

Und die Proleten 
und die Propheten 
Analphabeten 

Die Vegetarier 
und erst die Arier 
die Rastafarier 

Die Kommunisten 
und die Papisten 
die Masochisten 

Die Reformierten 
die Konvertierten 
die Angeschmierten 

Die Pyromaner 
die Weißefahner 
und die Indianer 

Die Angelognen 
die Abgeflognen 
die Ausgesognen 

Die Unbekannten 
die Abgebrannten 
Seelenverwandten 

Selbst die Franzosen 
die Obdachlosen 
und die Mimosen 

Die Abgeklärten 
die Längstverjährten 
die Kriegsversehrten 

Die Ewiggestrigen 
die Schweinemästrigen 
die Luftverpestrigen 

Die Alkoholiker 
die Melancholiker 
die Anaboliker 

Die chronisch Kranken 
die ionisch Schlanken 
die Schweizer Banken 

Die Diktatoren 
Schuldigkeitsmohren 
die Tauben Ohren 

Die wundlos Heiligen 
die grundlos Eiligen 
die schundlos Geiligen 

Die Dummweltschützer 
Kondombenützer 
Yogaschlafmützer 

Fettnäpfchentreter 
Teufelsanbeter 
Himalayeter 

Die Kriechspurschnecken 
die kalten Recken 
die Perlweißblecken 

Normalverbraucher 
und Kettenraucher 
Rückgratverstaucher 

Die Behemothen 
die Heldentoten 
die Fachidioten 

Die Religiösen 
die Trockenmösen 
die Skrupulösen 

Die Lobotomen 
die Leptosomen 
und die in Komen 

Die Unerbittlichen 
die Unersittlichen 
konkret die Tittlichen 

Politkorrekten 
ethisch Erekten 
aalglatt Geleckten 

Die Abgeschmackten 
die Abgefuckten 
vorm Herrgott Nackten 

Die Fortschrittsgläubigen 
hochnässig Schnäubigen 
die Menschenträubigen 

Der Freund und Helfer 
die Fee und Elfer 
der Mademanselfer 

Die Profiopfer 
die Sprücheklopfer 
Geschlechtsumtopfer 

Und all die Süchtigen 
und alle Tüchtigen 
huschhusch die Flüchtigen 

Die Kraftgelähmten 
die Saftgezähmten 
die Unverschämten 

Die Impotenten 
Geheimagenten 
Bettelstudenten 

Neandertaler 
und Steuerzahler 
Postkartenmaler 

Gleitcremebenutzer 
Niebrilleputzer 
und Nestbeschmutzer 

Die Sexfilmleuchten 
die Haremsfeuchten 
Fitnessverseuchten 

Die Hungerleider 
Wahrheitvermeider 
Sichselbstankreider 

Die Bolschewicken 
und die Anticken 
die bloß gern ficken 

Die sanften Trinker 
die hanften Sinker 
verkrampften Stinker 

Die Besserwisser 
die Messerschmisser 
die Nässerpisser 

Die hab ich alle alle 
alle alle lieb 
denn ich bin 
unterm Kinn 
ein kleiner Herzensdieb 

Die Peitschen 
die Peitschen 
die Deitschen 

Die Peitschen 
die Peitschen 
die Deitschen

Heinz Rudolf Kunze - Die Verschwörung der Idioten

Aufstehn 
pissen gehn 
schaudernd in den Spiegel sehn 
Donnerstag 
Zahnbelag 
überwiegend Niederschlag 

Spät dran 
Dusche an 
kalter Strahl auf alten Mann 
Kaffe stark 
Frühlingsquark 
Biber nagt am Rückenmark 

Wenn das hier schon das Leben ist- 
was machen dann die Toten 
Wer kennt sich hier aus? 
Wer hilft mir hier raus 
aus der Verschwörung der Idioten? 

Radio 
klingt wie Klo 
Wirbelsturm in Mexiko 
UFO rammt 
Kanzleramt 
Deutschlammt einig Vaterlammt 

Titelblatt 
Lügen satt 
Bonn die Lumpensammlerstadt 
Zug entgleist 
Blutdruck beißt 
leider nach Diktat verreist 

Wenn das hier schon das Leben ist 
was machen dann die Toten? 
Wer kennt sich hier aus? 
Wer hilft mir hier raus 
aus der Verschwörung der Idioten? 

Chicken Mac 
schmeckt wie Dreck 
Magen schrumpft zum Leberfleck 
Fahrstuhl kocht 
Schädel pocht 
wer nicht lacht wird eingelocht 

Stoßverkehr 
kann nicht mehr 
trink erst mal den Kühlschrank leer 
nimm doch den 
schlafen gehn 
ausgeknockt die Sterne sehn 

Wenn das hier schon das Leben ist 
was machen dann die Toten? 
Wer kennt sich hier aus? 
Wer hilft mir hier raus 
aus der Verschwörung der Idioten?

Heinz Rudolf Kunze - Die Verteidigung der Stammtische

Navigieren nach dem Judenstern 
heilig überm Haupt der Krankenschein 
fliehen vor der Arbeit palmenfern 
ohne Arbeit untermenschlich klein 

Aufgeheult bei jedem offnen Wort 
aufgekratzt der ewig junge Schorf 
Kind im Bauch heißt Wut im Bauch heißt Mord 
Kirchen bleiben nirgends mehr im Dorf 

Die Verteidigung des Hasen vor dem Igel 
die Verteidigung der Männer vor den Frauen 
die Verteidigung der Scham vor deinem Spiegel 
die Verteidigung der Farben vor dem Grauen 
die Verteidigung Ertrinkender 
vor dem blanken Hohn der Fische 
die Verteidigung 
Entbeleidigung 
der Stammtische 

Die Verteidigung 
Entbeleidigung 
der Stammtische 

Seit die Biene mit der Bestie starb 
seit der Glaube mit dem Wahn verreckt 
seit der blonde Narr um Tönung warb 
lauert was zum Greifen nah versteckt 

Eingekeilt von tiefgefrornen Trends 
scheugeklappt das Trommelfell gepierct 
nichts wird heiß gegessen nirgends brennts 
kalt tumort der Haß den du gebierst 

Die Verteidigung des Oder vor Entweder 
die Verteidigung der Schmerzen vor dem Grinsen 
die Verteidigung des Manchen vor dem Jeder 
die Verteidigung der Schuld vor ihren Zinsen 
die Verteidigung Ertrinkender 
vor dem blanken Hohn der Fische 
die Verteidigung 
Entbeleidigung 
der Stammtische 

Die Verteidigung 
Entbeleidigung 
der Stammtische 

Kurs verlieren hinterm Judenstern 
nicht ein blasser Schimmer kränkt den Schein 
deutscher Wertabschöpfer möchte gern 
auf der ganzen Welt alleine sein 

Die Verteidigung 
die Verteidigung 
die Verteidigung 
die Verteidigung

Heinz Rudolf Kunze - Die Wahrheit vom letzten Hemd

Zuhaus nicht zuhause, 
in der Fremde nicht fremd, 
das ist die Wahrheit 
vom letzten Hemd. 

Und am Ende des Wegs 
wartest immer noch du, 
das ist die Wahrheit 
vom blutigen Schuh. 

Mit dem Rücken zur Wand 
liest du Stirb oder Friß, 
das ist die Wahrheit 
vom großen Beschiß. 

Mal entweicht so ein Röcheln 
aus allen Geschöpfen, 
das ist die Wahrheit 
von Nägeln mit Köpfen. 

Jedes gute Gewissen 
riecht am Ärmel nach Fisch, 
das ist die Wahrheit 
vom reinen Tisch. 

Schau mich an wie ein Schwimmbad. 
Flieg mir zu wie verwählt. 
Wahrheit werweißwievielte, 
nicht mitgezählt. 

Zuhaus nicht zuhause, 
in der Fremde nicht fremd, 
das ist die Wahrheit 
vom letzten Hemd.

Heinz Rudolf Kunze - Die Welt ist Pop

Die Sonne scheint in schwarz rot gold 
der Kaiser hat es so gewollt 
Champagner perlt wie Mädchenblut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 

Im Kanzleramt ist Modenschau 
der nächste Papst wird eine Frau 
man trägt jetzt wieder Wagemut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 

Oh oh oh oh 
weg mit dem alten Plunder 
also ganz ehrlich 
es gibt doch noch Wunder 
es gibt doch noch Wunder 

Wenn sogar Gott ein Popstar ist 
dann werd ich hier wohl nicht vermißt 
er hat den Groove des Alls im Bauch 
die Welt ist Pop der Himmel auch 

Vom Meer bis an den Alpenrand 
ein ausgelassnes Lockerland 
wie weggeblasen unsre Wut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 

Ich seh das so 
wenn gar nichts andres bliebe 
also ganz ehrlich 
dann Frieden und Liebe 
dann Frieden und Liebe 

Ich hab geflucht ich hab geweint 
jetzt ist der Tag mein bester Freund 
jetzt weiß ich daß ich richtig lieg 
die Rettung lautet Popmusik 

Der deutsche Wald lädt Bären ein 
sie sollen uns willkommen sein 
Humor ist wenn mans selber tut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut 
die Welt ist Pop die Welt ist gut

Heinz Rudolf Kunze - Die Zukunft

Du mußt lernen 
deinen Bildschirm zu küssen 
du mußt lernen 
ein Versprengter zu sein 
du mußt lernen 
nie hilft irgendein Wissen 
trotzdem lernen 
unentwegt und allein 

Du wirst lachen 
aber so wird es kommen 
du wirst weinen 
bis du ausgedörrt bist 
du wirst hochkant 
auf die Schippe genommen 
du wirst lernen 
daß es ist wie es ist 

Du wirst lernen 
daß es ist wie es ist 

Die Zukunft ist ein Loch 
das vielleicht keinen Rand hat 
ein Loch das nicht gebiert 
nur verschluckt 
die Zukunft war ein Freund 
den man nicht näher gekannt hat 
und es wird Regen geben 
wenn Gott sich in die Hände spuckt 

Du mußt lernen 
deine Wünsche zu essen 
du mußt lernen 
wie man improvisiert 
du mußt lernen 
dich ans Gitter zu pressen 
wenn die Luft in 
deiner Zelle gefriert 

Du wirst glauben 
jemand spielt dir nur Streiche 
du wirst fragen 
wer Verantwortung trägt 
liegst auf Schienen 
weit entfernt von der Weiche 
wo dein Restherz 
wie ein Zeitzünder schlägt 

Die Zukunft ist ein Film 
ohne Helden und Handlung 
mit brüllender Musik 
Trommelfellatio 
die Zukunft wird erlebt 
als die letzte Verwandlung 
von allem und von dir sowieso 

Das Schwinden als Lebensaufgabe 
der Lehrer schaut tatenlos zu 
eine Gleichung mit lauter Bekannten 
am allerfremdesten du 

Die Zukunft 
die Zukunft 
die Zukunft

Heinz Rudolf Kunze - Dies ist Klaus

Dies ist Klaus. 
Klaus hat lange Haare. 
Klaus kennt sich aus. 
Alter dreißig Jahre. 

Dies ist ein Haus. 
Hier geht Klaus 
einmal die Woche 
rein und wieder raus. 

Vor diesem Haus 
stehen viele grüne Wagen. 
Der von Klaus ist schwarz. 
Aber das hat nichts zu sagen. 

Klaus fährt seit kurzem 
Golf GTI. 
Das Lenkrad ist weiß. 
Im Winter fährt er Ski. 

Dies ist Klaus. 
Besondere Kennzeichen: Keine. 
Dies ist Klaus. 

Dies ist Klaus 
auf der Demo in Bonn. 
Sein Halstuch ist lila. 
Jetzt macht er sich davon. 

Dies ist Klaus 
beim Staatsbesuch. 
Er trägt einen Knüppel 
und kein lila Tuch. 

Dies ist Klaus. 
Besondere Kennzeichen: Keine. 
Dies ist Klaus. 

Klaus hat eine Freundin. 
Sie hat nicht viel zu lachen. 
Klaus sagt oft zu ihr: 
Einer muß es ja machen.

Heinz Rudolf Kunze - Doktor Doktor

Doktor 
meine Psychosen 
sind wilde Rosen 
der Riß wird breiter 
Doktor 
ich trage Narben 
in allen Farben 
so gehts nicht weiter 

Der Hamster jagt durchs Riesenrad 
sein dünnes Fell fängt Feuer 
Picasso malt sein EKG 
und guter Rat ist teuer 

Doktor 
ich trag ein Zeichen 
das sollte reichen 
ich wills nicht deuten 

Doktor 
fühl mich verbogen 
und hingezogen 
zu dunklen Leuten 

Der Irre kommt jetzt Nacht für Nacht 
in meinen Traum gekrochen 
er fährt mit seinem Pöbelwagen über mein Bett 
und bricht mir alle Knochen 

Doktor ich mach keinen Sinn 
mach daß ich ein andrer bin 
Doktor wenn du alles weißt 
sag mir wie der Zauber heißt 
die Stadt hier ist zu klein für uns 
sie muß sich jetzt entscheiden 
Doktor Doktor 
Doktor Doktor 
einer von uns beiden 

Doktor 
ich werde älter 
mein Blut wird kälter 
ich kanns kaum glauben 
Doktor 
gib der Hyäne 
die großen Pläne 
eh sie verstauben 

Ich hab die Zukunft nicht gewollt 
ich war für alles offen 
ich trinke ja nicht weils mir schmeckt Herr Doktor 
ich bin einfach lieber besoffen 

Doktor ich mach keinen Sinn 
mach daß ich ein andrer bin 
Doktor wenn du alles weißt 
sag mir wie der Zauber heißt 
die Stadt hier ist zu klein für uns 
sie muß sich jetzt entscheiden 
Doktor Doktor 
Doktor Doktor 
einer von uns beiden

Heinz Rudolf Kunze - Draufgänger

Mein Herz hängt an der Vorhaut 
mein Haus gehört der Bank 
Roswitha lernt jetzt Fallschirm 
und mein Brieffreund macht mich krank 

Ich kann nicht wie ich möchte 
und ich mag nicht was ich kann 
die Kinder sprechen sächsisch 
und mein Boxer knurrt mich an 

Was das Leben betrifft, sind wir alle Amateure, 
blutige Laien, Anfänger 
doch du hast die Wahl der Qual 
wenn auch nur das eine Mal: 
Draufgeher oder Draufgänger 

Trau keinem unter Dreißig 
die war'n nicht an der Front 
die heulen nicht im Fahrstuhl 
anders hab ich's nie gekonnt 

Von wegen Größe und Reife 
wenn du den Abstieg lobst 
ich bin Eins Zweiundsiebzig 
und reif wie faules Obst 

Was das Leben betrifft, sind wir alle Amateure, 
blutige Laien, Anfänger 
doch du hast die Wahl der Qual, 
wenn auch nur das eine Mal: 
Draufgeher oder Draufgänger 

Was soll ich denn bloß machen 
soll ich weinen oder lachen 
es ist mein Leben lang so gewesen 
ich fühl mich wie ein Plakatier'n-Verboten-Plakat 
wie ein Schlitzohr unter lauter Chinesen 

Kein bißchen feste Bindung 
an Eigentum und Gott 
denn Gegenwind macht Flügel 
mein Idol ist Don Quixote 

Der Bote kam im Morgengrauen 
er nahm kein Geld und kein Quartier 
er brachte gute Neuigkeiten 
von mir 

Was das Leben betrifft, sind wir alle Amateure, 
blutige Laien, Anfänger 
doch du hast die Wahl der Qual, 
wenn auch nur das eine Mal: 
Draufgeher oder Draufgänger

Heinz Rudolf Kunze - Du also bist mein Tod

Du also bist mein Tod. 
Hätte gedacht, du wärst alt. 
Streif von den Schuhen den Kot, 
schließ schnell die Tür, es wird kalt. 

Du also bist mein Tod. 
Wir sollten uns prima vertragen. 
Wir sitzen im selben Boot. 
Du weiß ja, ich hab's mit dem Magen. 

Du also bist mein Tod. 
Dachte schon, nur ein Vertreter. 
Nichts also kommt mehr ins Lot. 
Geschenkt, denn ich hasse Gezeter. 

Du also bist mein Tod. 
Prüftest, wie tief ich nachts schliefe. 
Du also riefst in der Not: 
Es gibt eine Alternative. 

Du also bist mein Tod. 
Wie zu erwarten war: stumm. 
Du also bist mein Tod. 
Du also bringst mich um.

Heinz Rudolf Kunze - Du bist nicht allein

Du bist nicht allein 
ich kann bei dir sein 
mach die Augen zu du bist nicht allein 
denk an mich im Schlaf 
zähl das siebte Schaf 
dann erscheint dein Graf du bist nicht allein 

Du bist nicht allein 
ich beweg den Stein 
schlaf in deinem Schuh du bist nicht allein 
und die böse Free schrumpft klein 

Jeden schlimmen Traum 
lösch ich mit Meeresschaum 
tu so als gäbs mich nicht und du bemerkst mich kaum 

Wenn du weinst gib acht 
weil das traurig macht 
und das steht dir im Gesicht und steht dir nicht 

Du bist nicht allein 
mein Umhang hüllt dich ein 
deckt dich leise zu du bist nicht allein 
du wirst unverwundbar sein 

Vieles geht zu Bruch 
doch mein Zauberspruch 
kann die Brücke sein du bist nicht allein 

Wenn der Mond dich neckt 
sich im Tal versteckt 
zieh ich ihn am Ohr und hol ihn dir hervor 

Du bist nicht allein 
und die böse Fee schrumpft klein 

Du bist nicht allein 
fall ich dir nur ein 
hast ein Rendezvous du bist nicht allein 
du wirst unverwundbar sein

Heinz Rudolf Kunze - Du erwartest ein Kind

Ich bin nun eine Woche lang alleine. 
Die Zeit ist unwahrscheinlich schnell vergangen. 
Schon Montag warf ich nach der Sonne Steine, 
hab ich dich zu vergessen angefangen. 

Seit einer Woche gieße ich die Pflanzen 
und gebe den verschlafnen Katzen Futter. 
Ich kauf nicht ein, ich gehe auch nicht tanzen. 
Am Telefon ist meistens meine Mutter. 

Du erwartest ein Kind, 
du erwartest 
immer zuviel von mir, 
immer zuviel von mir. 

Ich saß immer zwischen lauter leeren Stühlen. 
Jede Wolke, wenn ich abhob, war besetzt. 
Ich traue keinem und am wenigsten Gefühlen. 
Doch ich habe dich geliebt und war entsetzt. 

Es hat mit deiner Heimkehr keine Eile. 
Dein Mädchenbild im Flur ist ganz verblichen. 
Ich seh von dir noch manchmal Einzelteile 
Im Traum – doch wie mit Rotstift durchgestrichen. 

Du erwartest ein Kind, 
du erwartest 
immer zuviel von mir, 
immer zuviel von mir. 

Wenn du noch einen Tag länger 
dageblieben wärst, 
hätten wir uns an der Zimmerluft zerrieben. 
Jede kleinste Fortbewegung 
wie ein Brustschwimmzug im Teer. 
Du bist keinen Tag länger dageblieben. 

Du erwartest ein Kind, 
du erwartest 
immer zuviel von mir, 
immer zuviel von mir.

Heinz Rudolf Kunze - Du gehörst zu jemand andrem

Du gehörst zu jemand andrem und ich auch 
um so dunkler brennt dies Feuer ohne Rauch 
Glück im Unglück dieser schlimme alte Brauch 
du gehörst zu jemand andrem und ich auch. 

Du gehörst zu jemand andrem und was nun 
wir sind zu erwachsen um uns zu vertun 
doch zu jung um auf Ruinen auszuruhn 
du gehörst zu jemand andrem und was nun 

Ich stelle mir oft vor wie er jetzt gerade an uns denkt 
wohin er seine absichtslosen schweren Schritte lenkt 
Gesichter in den Straßen schauen weg wenn er sie sucht 
er kommt sich wie ein Monstrum vor verstoßen und verflucht 

Du gehörst zu jemand andrem der jetzt weint 
ihm ist nichts egal auch wenn es dir so scheint 
eine Frau sagt (und damit bin ich gemeint): 
du gehörst zu jemand andrem der jetzt weint 

Ich seh dir in die Augen und ich weiß du denkst an sie 
so sah sie mich nur selten an ich will nicht sagen nie 
falls doch dann ist das ewig her verschüttet und verjährt 
es wird noch nicht mal Wut daraus auch wenn's schon lange gährt 

Du gehörst zu jemand andrem und zu mir 
meinen Streichholzkopf verdanke ich nur dir 
wenn ich gaukle dann erlege diesen Stier 
du gehörst zu jemand andrem und zu mir 

Du gehörst zu jemand andrem und ich auch

Heinz Rudolf Kunze - Du wirst kleiner, wenn du weinst

Du wirst immer nur noch kleiner, wenn Du weinst. 
Irgendwann hat Dich sogar Dein Schatten satt. 
Wenn Du's nicht allmählich besser mit Dir meinst, 
findest Du bald nicht mal mehr im Spiegel statt. 

Du wirst immer nur noch kleiner, wenn Du weinst, 
bis dann gar nichts mehr zum Lieben übrig bleibt. 
Bis man trostlos zwischen bitterkalten Fingern 
letztes Mitleid wie ein welkes Blatt zerreibt. 

Ich hab nie gesagt, Du mußt, um mich zu mögen, 
mich ganz verstehen. 
Ich hab nie gesagt, ich mag Dich gerne leiden 
sehen. 

Du wirst kleiner, wenn Du weinst. 
Plötzlich hast Du nur noch Unrecht, 
auf der Leinwand steht nicht "Ende", sondern "Schluß". 
Du wirst kleiner, wenn Du weinst, 
Ich will größer von dir denken, 
bitte zwing mich nicht zu einem Gnadenschuß. 

Du wirst immer nur noch kleiner, wenn Du weinst. 
Das hat unsre gute Sache nicht verdient. 
Ich kann nichts erklären, doch ich möchte reden. 
Warum hast Du Deinen Korridor vermint? 

Ich hab nie gesagt, Du mußt, um mich zu mögen, 
mich ganz verstehen. 
Ich hab nie gesagt, ich mag Dich gerne leiden 
sehen. 

Du wirst kleiner, wenn Du weinst.

Heinz Rudolf Kunze - Eigentlich nein

Das Gefühl wenn du wieder deinen Arzt betrübst 
wenn du nachmittags bei Regenwetter Geige übst 
einen Fahraddieb anrempelst der zum Bahndamm flieht 
in einem Kinderwagen schläfst den ein Glöckner zieht 

Das Gefühl wenn ein Messer deinen Namen schreibt 
wenn ein Pelikan das frißt was von dir übrig bleibt 
wenn dich sechsunddreißig Jahre lang kein Mensch versteht 
obwohl du sehr verbindlich weißt was vor sich geht 

Ich mag dich! 
Wer bin ich? 
Will ich hier sein? 
eigentlich nein eigentlich nein eigentlich nein 
eigentlich nein 

Das Gefühl daß du immer schon bestohlen bist 
obwohl du täglich alles zählst und nichts vermißt 
eine Fußgängerzone voller Stacheldraht 
ein Zyklop an deiner Seite voller Rat und Tat 

Was hast du erwartet was hast du bekommen 
stehst im Supermarkt beschämt betäubt benommen 
in dem Einkaufswagen der gemeine Gnom 
sagt dir falsche Preise nennt dich ein Phantom 

Ich lieb dich! 
Wie heißt du? 
Bist du jetzt mein? 
Eigentlich nein eigentlich nein eigentlich nein 
eigentlich nein 

BLEICHGESICHTER UNTERTANER COWBOY BRENNT INDIANER 
BLEICHGESICHTER PULVERFUMMLER FEIGE SCHLACHTENBUMMLER 
BLEICHGESICHTER DURCHSCHNITTSBÜRGER FLEISCHERHAKENWÜRGER 
BLEICHGESICHTER FLUCHVERGESSER AAS-UND-SCHANDE-FRESSER 
NICHTS REIMT SICH IM DEUTSCHEN AUF MENSCH 
NICHTS REIMT SICH IM DEUTSCHEN AUF MENSCH 
NICHTS REIMT SICH IM DEUTSCHEN 
NICHTS REIMT SICH IM DEUTSCHEN 
NICHTS REIMT SICH IM DEUTSCHEN AUF MENSCH 

Bleibst DU gern 
im Großen 
und Ganzen klein? 
Eigentlich nein eigentlich nein eigentlich nein 
Ein Blauwal 
im Brustkorb – 
paßt der da rein? 
Eigentlich nein eigentlich nein eigentlich nein 
eigentlich nein

Heinz Rudolf Kunze - Ein bißchen Glück und Sonnenschein

Ein bißchen Glück und Sonnenschein 
vertrüge meine Wenigkeit 
der Scheideweg ist haaresbreit 
und nirgends ohne Stolperstein 

Ein Tränchen vom Tequilawurm 
beim Anblick deines Schuhs verdrückt 
Andenken vom Mongolensturm 
der Khan hat zu uns aufgeblickt 

Es war nicht so 
es hat sich so ergeben 
es wäre auch ganz anders nicht passiert 
erst paßt es nicht 
dann boykottiert das Leben 
du hast dich nie gewundert 
und das hat mich interessiert 

Ein Hinweis aus der Reichskanzlei 
der Feldmarschall war indiskret 
er weiß nicht wo Napoleon steht 
und morgen ist es einerlei 

Daß Eindruck den du hinterlässt 
gewöhnlich nur ein Abdruck ist 
der Spur von deiner Zimmerflucht 
die keiner der sie sieht vergißt 

Es tut mir leid 
ich bin kein guter Bauer 
nach keinem Gambit werde ich vermisst 
erst klemmt mein Schirm 
dann gruselt mich der Schauer 
was machst du in der Dusche 
wenn du ganz bekleidet bist 

Die Ernte meiner Nebenzeit 
soll reichlich und gesegnet sein 
ein bißchen Glück und Sonnenschein 
vertrüge meine Wenigkeit

Heinz Rudolf Kunze - Ein Mann muß tun was ein Mann tun muß ein Mann tun was ein Mann tun muß?

Er möchte mit ihr schlafen. 
Sie möchte ohne ihn aufwachen. 
Er wird nicht müde, mit ihr zu schlafen. 
Sie wird beim Schlafen mit ihm müde. 
Er kann ohne sie nicht einschlafen. 
Sie kann bei ihm nie ausschlafen. 

Ein Mann muß tun was ein Mann tun muß 
ein Mann tun was ein Mann tun muß? 
Genau! 
Mit den Waffen einer Frau! 

Er braucht seine acht Stunden Schlaf. 
Sie liegt jede Nacht Stunden wach. 
Scheidung? Das will er eine Nacht überschlafen. 
Scheidung. Sie läßt seine Nächte überwachen. 
Er ist lebensmüde. 
Sie nimmt Schlaftabletten. 

Ein Mann muß tun was ein Mann tun muß 
ein Mann tun was ein Mann tun muß? 
Genau! 
Mit den Waffen einer Frau!

Heinz Rudolf Kunze - Ein Traum

Im Wohnzimmer meiner Eltern 
das bei Luftanhalten brennt 
sitzt nachdenklich ein süddeutscher 
Ministerpräsident 
er fragt sich soll ich einfach mal 
die Spielzeugpreise senken 
oder lieber meiner Frau 
ein Panzernashorn schenken 
dafür hat sie was übrig 
dann hat sie was zu tun 
und fragt mich nicht tagein tagaus 
was machen wir denn nun 

Ein Traum ein Traum ein Traum jaja ein Traum 
ein Traum ein Trraum ein Traum haha ein Traum 

Im Ehebett meiner Eltern 
das von Christbaumnadeln sticht 
liegt ein Neger aus Neu-Isenburg 
der gut von ihnen spricht: 
„Es waren prima Leute 
sie spielten wie besessen 
sie brachten mir den Blues bei 
und gaben mir zu essen 
zwei Deutsche aus dem Osten 
man stelle sich das vor 
die konnten Mundharmonika 
daß ich mein Herz verlor“ 

Ein Traum ein Traum ein Traum jaja ein Traum 
ein Traum ein Traum ein Traum haha ein Traum 

Mein Vater hieß Roswitha 
doch nur für sich allein 
es soll für meine Mutter nicht 
ganz neu gewesen sein 
in der Küche meiner Eltern 
ist in jedem Streuer Salz 
auf einem steht „Haiti“ 
auf einem „Rheinland-Pfalz“ 
ja auf einem steht „Haiti“ 
auf einem „Rheinland-Pfalz“ 
auf jeden Fall ist überall 
jede Menge Salz 

Ein Traum ein Traum ein Traum jaja ein Traum 
ein Traum ein Traum ein Traum haha ein Traum

Heinz Rudolf Kunze - Eine ruhige Kugel

Ich werde immer noch um fünf Uhr dreißig wach. 
Ich steh am Schlafzimmerfenster und stiere hinaus 
in das morgengraue Arschloch der Nacht. 
Jetzt kommen Erwin und die andern von der Schicht. 
Ich steh vorm Badezimmerspiegel und spritz dem Fremden 
kaltes Wasser ins Gesicht. 

Um sieben müssen dann die Kinder los zum Bus. 
Und jeder Blick, wenn sie mich anschaun, fragt, 
warum man lernen muß. 
Wenn ich ganz ehrlich bin, ich weiß es selber nicht. 
Nicht für die Schule, nicht fürs Leben. 
Sie werden dastehn so wie ich. 

Die andern sagen: Du schiebst 'ne ruhige Kugel! 
Mensch, hast du's gut! 
Pack die Gelegenheit beim Schopf! 
Ich grinse schief, 
ich ball die Faust, 
ich seh zu Boden. 
Und irgendwann schieß ich mir 
diese ruhige Kugel durch den Kopf. 

Was meine Frau betrifft, die hat sich erst gefreut. 
Sie hat gedacht, jetzt hat er immerhin 
viel öfter für mich Zeit. 
Ich schau auf ihre rauhen Hände Tag für Tag. 
Und jede Stunde wird mir klarer, daß ich sie 
eigentlich nicht mag. 

Die andern sagen: Du schiebst 'ne ruhige Kugel! 
Mensch, hast du's gut! 
Pack die Gelegenheit beim Schopf! 
Ich grinse schief, 
ich ball die Faust, 
ich seh zu Boden. 
Und irgendwann schieß ich mir 
diese ruhige Kugel durch den Kopf.

Heinz Rudolf Kunze - Eine volle Stunde ohne Alkohol

Ich befand mich auf dem Weg nach unten 
Richtung dreizehnter Stock 
aus der Musikvernichtungshausanlage 
plärrte Kuschelrock 
es machte peng es machte zisch 
und plötzlich stand der Lift 
ich hatte einen Song im Kopf 
und nicht mal einen Stift 

... und was folgte war: 

Eine volle Stunde ohne Alkohol 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
sechs mal zehn Minuten 
keinem zuzumuten 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
nicht das kleinste Tröpfchen Ethanol 
sechzig mal sechzig Sekunden 
jede davon so lang wie Stunden 

Unser Tourbus machte Pinkelpause 
Mensch was war ich froh 
ich fand sogar das einzige 
nicht schwerverseuchte Klo 
die Tür ging nicht mehr wieder auf 
der Bus fuhr einfach ab 
ich schrie ich schlug ich trampelte 
die Spülung machte schlapp 

... und was das schlimmste war: 

Eine volle Stunde ohne Alkohol 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
die längste meines Lebens 
vergeudet und vergebens 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
nicht das kleinste Tröpfchen Ethanol 
die Zunge klebt am Gaumen 
man lutscht verschämt am Daumen 

Kein Bier kein Schnaps kein Wein 
so muß das Jenseits sein 

Ich fuhr des Nachts allein nach Haus 
mich traf ein heller Schein 
ein UFO zog mein Auto und 
auch mich in sich hinein 
die Männchen wollten Sex von mir 
es dauerte ein Jahr 
auch wenn es hinterher auf Erden 
nur ne Stunde war 

... immerhin es war: 

Eine volle Stunde ohne Alkohol 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
sechs mal zehn Minuten 
keinem zuzumuten 
eine volle Stunde ohne Alkohol 
nicht das kleinste Tröpfchen Ethanol 
sechzig mal sechzig Sekunden 
jede davon so lang wie Stunden

Heinz Rudolf Kunze - Einer für alle

Mach jetzt keinen Fehler. 
Die Dinge stehen gut. 
Die Affen wollen Zucker 
und die Sterne wollen Blut. 

Mach jetzt keinen Fehler. 
Trag jetzt keinen Zopf. 
Irgendwas muß rollen: 
Rubel oder Kopf. 

Einer für alle, 
sonst rette sich, wer kann. 
Einer für alle, keiner weiß weiter, 
Kopf hoch, du bist dran. 

Denk an all die Jahre. 
Denk an all den Schweiß 
für die gute Sache. 
Und die Sache ist jetzt heiß. 

Hörst du, wie sie toben? 
Geh und mach dein Tor. 
Endlich bist du oben. 
Was wirfst du ihnen vor? DICH!!! 

Einer für alle, 
sonst rette sich, wer kann. 
Einer für alle, keiner weiß weiter, 
du bist der kommende Mann. 

Mach jetzt keinen Fehler. 
Mach nicht so'n Gesicht. 
Mach am besten gar nichts. 
Wir machen das für dich.

Heinz Rudolf Kunze - Einfach nur vorhanden sein

Einfach nur vorhanden sein 
ohne Lust und Klage 
zugetan dem Licht wie Wein 
jetzt und alle Tage 

Einfach nur vorhanden sein 
ohne Weg und Willen 
ohne Sehnsucht, ohne Pein 
zwecklos und im Stillen 

Einfach nur vorhanden sein 
angefüllt mit Orten 
leuchten wir ein dunkler Stein 
diesseits von den Worten 

Einfach nur vorhanden sein 
feierlich versanden 
ungeschützt und sanft verschmitzt 
einfach nur vorhanden

Heinz Rudolf Kunze - Einfacher Mann

Ich weiß was sich gehört 
man ißt nicht mit den Fingern 
und man kuckt bei fremden Damen 
nicht immer nach den Dingern 
man achtet das Gesetz 
und auf die äußere Erscheinung 
und sagt um Gottes willen 
niemals ehrlich seine Meinung 

Oh ja ich tu was ich kann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann 

Ich hol mir was mir zusteht 
ich will die Welt nicht ändern 
ich bleibe wie ich bin 
in allen Bundesländern 
ich mag mein Bier mit Schaum 
mein Schweinefleisch mit Schwarte 
und wem das nicht paßt 
der kriegt bei mir die rote Karte 

Oh ja ich tu was ich kann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann 

Quäl mich nicht zuviel 
du hättest leichtes Spiel 
ich bin einer der sich gegen deine rosaroten Pfeile 
echt nicht wehren kann 
ich bin ein einfacher Mann ich bin ein einfacher Mann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann 

Oh ja ich tu was ich kann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann 

Mein Vater war ein Wandersmann 
er kam bis Wladiwostok 
ich kenn mich aus auf Capri 
doch wo liegt eigentlich Rostock 
und solltest du mich lieben 
komm mir bloß nicht zu modern 
denn im Fahrstuhl oder Beichtstuhl 
hab ich's nicht so gern 

Oh ja ich tu was ich kann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann 
oh ja ich tu wirklich was ich kann 
ich bin nun mal ein einfacher Mann

Heinz Rudolf Kunze - Ekelhaft

Wie Du aussiehst 
wie du denkst 
wie du nachts dein 
Fleisch verschenkst 
was du träumst wo- 
nach du riechst 
wie du lügst und 
wie du kriechst 
du gehst über meine Kraft 
du bist einfach ekelhaft 
du bist einfach ekelhaft 

Daß du nie was 
drunter hast 
daß du jeden 
Zug verpaßt 
wie du klingst am 
Telefon 
ewig bist du 
Hauptperson 
du bist jemand der mich schafft 
du bist einfach ekelhaft 
du bist einfach ekelhaft 

Du hast es nicht im Kopf und auch nicht zwischen deinen Beinen 
du kannst zwar über jede ferne Zeitungsmeldung weinen 
wenn ich an deiner Seite aber drohe zu ersticken 
zerbeißt du meinen Strohhalm und spielst blinde Kuh beim Ficken 
gibs zu 
gibs zu 
gibs zu 
gibs zu 
gibs zu 
gibs zu 

Wie du flachliegst 
wie du gehst 
und worauf du 
wirklich stehst 
hey wie geht's mir? 
so lala 
du sagst komm doch 
doch ich bin längst da 
du gehst einfach über meine Kraft 
du bist einfach ekelhaft 
du bist einfach ekelhaft

Heinz Rudolf Kunze - Ende mit dir